Auf Bauchhöhe mit dem Nazi: Mit versteckter Kamera nahm der Journalist mit dem Decknamen "Thomas Kuban" Neonazis bei einem Konzert in Oberösterreich auf.

Foto: Kuban
Investigativer Journalismus steckt in der Krise: Thomas Kuban recherchierte auf eigene Kosten jahrelang verdeckt unter Neonazis. Vor kurzem hörte er auf. Kein Sender wollte sein Material haben.

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Wien - Vier Jahre lang recherchierte Thomas Kuban unter Neonazis. Mit versteckter Kamera besuchte er Konzerte der Szene in ganz Europa. Vor kurzem hörte er auf. Heute ist er fast pleite. Mehrere zehntausend Euro habe er in dieses Projekt gesteckt, berichtet der deutsche TV-Journalist, der seine Geschichte zuerst im Branchenmagazin "Message" erzählte. In rund 25 TV-Beiträge ist sein Material über die Jahre eingeflossen - ARD-Magazine und Spiegel-TV. Aber irgendwann habe das Interesse nachgelassen: Rechtsradikalismus ist im Journalismus heute out.

Man habe ihm die Filme zwar von Anfang an nicht aus den Händen gerissen, aber zu Beginn sei es noch ganz gut gelaufen, erzählt er. Seit die ARD-Magazine in Deutschland kürzere Sendezeiten zur Verfügung hätten, gehe kaum mehr etwas. "Komplexere Inhalte sind so verknappt nicht mehr darstellbar."

Polizei schaut weg

Ein Neonazi-Konzert, bei dem die Polizei wegschaut, könne man in Fünf-Minuten-Beiträgen erfassen. Um das weitverzweigte rechtsradikale Netzwerk "Blood and Honour" zu beschreiben, brauche es aber ausführliche Hintergrundinformationen. Also verzichtet man gleich darauf. Die Begründung der Redaktionen: "Déjà vu, more of the same, immer dasselbe." Vielleicht auch, weil Medien in Deutschland gewaltbereite Migranten gerade spannender als Neonazis finden.

Konzerte als Einstiegsdroge

Kuban sagt, er habe auf Abwechslung geachtet: "Nicht immer ging es um die Musikszene." Für ihn ist es unverständlich, "selbst wenn man sagt, man hat schon darüber berichtet. Die Konzerte sind Einstiegsdroge Nummer eins für Jugendliche in der Szene, und die wird immer größer", sagt Kuban zum STANDARD.

"Thomas Kuban" ist ein Deckname für den Journalisten, der seinen Namen nicht nennen kann, weil die Neonazis ihn auf ihrer Abschussliste haben. Kuban war in acht Ländern Europas unterwegs, oft lief er Gefahr, enttarnt zu werden. Nazi-Internetforen rätselten über die Identität des Unterläufers, vermuteten Verfassungsschutz und israelischen Geheimdienst: "Wenn wir den erwischen, stellen wir ihn auf die Bühne, der Rest ergibt sich von selbst."

Angst vorm Auffliegen

Mit einer Skinhead-Party nahe seines Wohnorts fing alles an. Ein Kollege, der sich mit Neonazis beschäftigte, sprach ihn darauf an und vermittelte ihm erste Einblicke in die Szene. Kuban reizte die Recherche. Er schleuste sich in Internetforen ein, schrieb CD-Kritiken, schloss virtuelle Freundschaften. Das Equipment wurde aufwändiger, die Verwandlungskunst kreativer: Insgesamt kam er auf sechs Bärte.

Hatte er Angst aufzufliegen? "Sobald man die Kamera am Körper hat, ist man eine tickende Zeitbombe", sagt Kuban. Die Neonazis kontrollieren bei den Konzerten jeden einzelnen, teilweise mit Metalldetektoren. Kuban entkam immer, es gab jedoch brenzlige Situationen. "In Italien wurde der Körper abgetastet, und anschließend kam noch der Metalldetektor. Ich hatte Glück."

Hitler-Gruß

Kubans Material blieb brisant. In Ungarn filmte er NPD-Politiker in einem Konzert beim Hitler-Gruß. In Oberösterreich scherzten Polizisten mit Skinheads vor laufender Kamera. Der ORF zeigte das in "Thema" und löste einen Riesenwirbel aus.

Zum Abschluss verwertet er das gesammelte Material für einen Dokumentarfilm. Der soll Ende des Jahres fertig sein. TV-Magazinen bot er die Abschlussarbeit auch an. Einige antworteten nicht einmal. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 5.3.2008)