Kahler und fliegender Same des Heiligen Pippau. Wenn der Heilige Pippau in die Stadt übersiedelt, produziert er mehr kahles Saatgut, weil das bessere Überlebenschancen hat.

Foto: Imbert
Der Verwandte des Löwenzahns passt sich binnen weniger Generationen an die neue Umwelt an.

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Kreationisten werden ihn ab sofort wohl verfluchen, obwohl er das Attribut "heilig" in seinem Namen trägt: den Heiligen Pippau nämlich, der ein Verwandter des Löwenzahns ist und einer der rund 200 Angehörigen der Familie Asteraceae.

Die Heimat der anpassungsfähigen einjährigen Pflanze ist das Mittelmeergebiet. Dort hat sie einen eher schlechten Ruf als Unkraut und gedeiht unter anderem an Wegrändern, in Weinbergen und auf Brachland ohne stabile Vegetation, entstanden durch radikale menschliche Eingriffe in die Natur. Wer hier dauerhaft überleben will, muss über spezielle Strategien verfügen. Für den Heiligen Pippau kein Problem.

Aber was hat Crepis sancta, wie die Blume auf Lateinisch heißt, mit den Kreationisten und der Evolution zu tun? Dazu muss man etwas weiter ausholen.

In Städten wie dem südfranzösischen Montpellier hat C. sancta einen besonders unwirtlichen Lebensraum besiedelt - die Straße. Im Frühling schmücken seine gelben Blumen die meist winzigen Erdflächen rund um Alleebäume und ähnliche ungepflasterte Stellen.

Solche Miniökosysteme werden zwar vor allem von Hunden heimgesucht. Aber sie beherbergen bis zu 96 verschiedene, besonders robuste Pflanzenarten. Einige von ihnen, wie auch der Heilige Pippau, sind Nahrungsquelle für stadtbewohnende wilde Honigbienen. Im Gegenzug übernehmen die fleißigen Insekten die Bestäubung der futterspendenden Blüten. Ein ökologisches Gleichgewicht auf dem Trottoir.

Pusteblumen-Effekt

So weit, so gut. Doch was passiert nach der Blüte, fragte sich der Biologe Pierre-Olivier Cheptou. Wie bei vielen Asteraceen verfügen auch die reifen Samen von C. sancta in der Regel über einen Fallschirm aus Borstenhaaren, den Pappus. Er ermöglicht den bekannten Pusteblumen-Effekt.

Auf dem Lande mag die Samenverbreitung durch die Luft von Vorteil sein, aber in der Stadt? Cheptou berechnete, dass weniger als ein Prozent der urbanen Fläche Montpelliers als Lebensraum für den Heiligen Pippau geeignet ist. Dementsprechend groß ist die Verlustgefahr der fliegenden Samen: Sie landen auf dem Pflaster und bekommen nie die Gelegenheit zu keimen.

Allerdings besitzen nicht alle Samen der C. sancta einen Pappus. Etwa ein Zehntel von ihnen bleibt - genetisch bedingt - haarlos. Sie fallen nach der Samenreife einfach zu Boden.

Dürften diese "Behinderten" in der Stadt nicht viel bessere Überlebenschancen haben? Cheptou ging der Sache zusammen mit Kollegen des Centre d'Ecologie Fonctionnelle et Evolutive mittels einer experimentellen Studie auf den Grund. Das Ergebnis, welches die Experten in der Wissenschaftszeitschrift Pnas veröffentlichten, kann durchaus als verblüffend bezeichnet werden.

Die Forscher zogen Nachkommen von stadtbewohnenden C. sancta und von deren Artgenossen aus dem ländlichen Umfeld Montpelliers unter kontrollierten Bedingungen im Gewächshaus auf und ließen sie dort blühen. Anschließend nahm man sämtliche Samen unter die Lupe. Zum Erstaunen des Teams produzierten die Stadtpflanzen deutlich mehr kahles Saatgut (14,5 statt zehn Prozent).

Selektion der Straße

Der Selektionsdruck der Straße hatte die Haarlosen offensichtlich begünstigt und eine Verschiebung des Mengenverhältnisses zu deren Gunsten bewirkt. Dieser Trend dürfte sich auch in Zukunft fortsetzen. In einem vorherigen Versuch hatten die Biologen die geringeren Überlebenschancen von pappustragenden Samen in künstlichen Kleinstbeeten nachgewiesen.

Eine zusätzliche mathematische Auswertung der Daten ergab, dass die messbare Anpassung des Heiligen Pippaus an das Straßenleben maximal zwölf Generationen dauerte. "Es ist erstaunlich, wie schnell Evolution stattfinden kann", sagt Pierre-Olivier Cheptou im Gespräch mit dem STANDARD. "Das hatten wir nicht erwartet." Und wieder ein Punkt für Darwin. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 3. 2008)