Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: APA
In San Francisco probiert eine interessante gemeinnützige Bildungsorganisation, CK-12 , das Open-Source-Modell und Web 2.0 aus der Welt von IT und Internet in die Pädagogik zu übertragen. Konkret können sich Lehrerinnen und Lehrer ab diesem Herbst ihre Lehrmaterialien online aus unterschiedlichen Modulen individuell zu „Flex Books“ zusammenstellen, statt durch unveränderbare Schulbücher ihren Unterricht de facto bis ins Detail vorgegeben zu bekommen.

Grundstock

CK-12 steuert selbst einen Grundstock an Materialien bei (gekauft oder in Auftrag gegeben), der dann nach dem Wiki-Prinzip erweitert werden soll; eine redaktionelle Community sorgt für eine Art Qualitätskontrolle. Alle Arten von Medien, auch Fotos, Podcasts und Videos, können verwendet werden. Soweit es Texte und Bilder sind, können sie als PDF-Datei downgeloadet werden. Es würde sich anbieten, größere Stückzahlen (z.B. für ein paar Klassen) als „Books on Demand“ zu drucken.

Sprachlabor und Schulfunk

Schulen („das System“, nicht die vielen Lehrerinnen, Lehrer und sonstigen Mitarbeiter, die sich trotz schlechter Bedingungen bemühen, die neuen Kulturtechnik in den Unterricht zu integrieren) sind notorisch schlecht, wenn es um die Adaption neuer Technologie für den Unterricht geht. Prototypisch dafür waren Sprachlabor und Schulfunk der 60er- und 70er-Jahre, die im Wesentlichen durchfielen. PC und Internet fahren ein wenig besser, weil sich die neue Kulturtechnik so stark in unserem Alltag eingenistet hat, dass auch Schulen nicht daran vorbeikommen.

300 Euro

Aber wirklich integriert? Das Notebook für jedes Kind von der ersten Klasse an bleibt eine Illusion, obwohl es ab 300 Euro Geräte dafür gibt, was sich mit weniger als zehn Euro monatlich niederschlagen würde. Ich spare mir die Erörterung, wer hier was zahlen sollte – die Größenordnung soll zeigen, dass es nicht am Geld, sondern nur am Willen liegen kann, wenn ein reiches Land wie Österreich hier keine nennenswerten Fortschritte erzielt.

Die partizipative Welt von Web 2.0

Zurück zur „weichen“ Seite der Revolution, die Schulen bisher noch weniger erreichte als die Frage der Hardware-Ausstattung. Lehrinhalte sind wie gemacht für die partizipative Welt von Web 2.0. Nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer stellen selbst Material zusammen, um ihren Unterricht zu gestalten, und das Internet ist jetzt schon eine reiche Fundgrube dafür, einschließlich der speziell für Schulen gemachten Seiten.

Was liegt näher, als diese Materialien online auszutauschen, fast wie bei den Schnittmusterheften von einst, die Burda Media in neuer Online-Form erfolgreich wiederbelebt hat? Dazu kommt, dass Medien als „geheime Erzieher“ jede Menge interessantes und gut zu verdauendes „Lehrmaterial“ produzieren – von Universum-Sendungen bis zu Vorlesungen, die Elite-Unis als Podcasts oder Videos zur Verfügung stellen.

Change

Diese neuen Möglichkeiten zu entwickeln, ist kein triviales Problem. Da gibt es die Frage von Rechten auf Materialien, der Qualitätskontrolle, der Organisation im Hintergrund. Es ist dabei keine Hilfe, dass auf dem Geld für Unterrichtsmaterial seit Jahr und Tag Verlage sitzen, für die der Verlust des Schulbuchs (oder dessen rückläufige Bedeutung) ein Verlust an staatlich garantiertem Einkommen wäre. Und dann kommt dazu die schlechte Ausstattung und der latente Widerstand vieler gegen die neue Kulturtechnik.

Chancen

Aber es wäre eine Riesenchance, die geheimen medialen Miterzieher einzubeziehen, statt die Schlacht erneut gegen sie zu verlieren.(helmut.spudich@derStandard.at, PERSONAL TOOLS, DER STANDARD Printausgabe, 6. März 2008)