Heute wollen wir von Leid und Erlösung im Elfenbeinturm der "Presse" berichten. Von der wunderbaren Selbstbefreiung eines Philosophen zum Dancing Star, von der Wandlung eines Künders der vorletzten Dinge, der diese Woche - einmal musste es ja kommen - in Frau Jeannine Schiller sein Damaskus fand, ausgelöst, soweit erkennbar, durch nichts anderes als jene Erscheinung, die als Wechseljahre des Mannes in Mode gekommen sind. Kurz, von dem Grazer Philosophieprofessor Peter Strasser, der in der "Presse" Die vorletzten Dinge kolumnistisch betreut. Besonders zugute zu halten ist ihm dabei, dass er sein Heureka Danke, Jeannine Schiller, danke! schon einen Tag eher ausgerufen hat, als "News" mit der Titelgeschichte Die Geheimnisse der Dancing Stars - Schiller, Engstler, Winkens & Co. im großen News-Intim-Check auf den Markt kam. Was hätte er erst ausgerufen, hätte er von der intimgecheckten Frau Schiller als ihre Stärke erfahren: Das Publikum, das hinter mir steht - unfassbar. Und präziser: Pensionistinnen haben sich zu Fanklubs zusammengeschlossen. Der Philosoph hätte im Rausch tänzerischer Begeisterung womöglich eine Geschlechtsumwandlung angekündigt, nur um dem Verein beitreten zu können.

Verständlich, war doch sein bisheriges Leben ein einziges Missvergnügen. Wenn ich bisher etwas noch widerlicher fand als die Semmelbröseln, die sich beim Frühstück in den Ärmeln meines Morgenmantels verkriechen, oder die Haare in meinen Nasenlöchern, die statt nach außen nach innen wachsen, oder die hoch aufgereckten Hintern der Mountainbiker, denen ich auf meinen stillen Wald- und Wanderwegen nachzuschauen gezwungen bin, oder die ekstatisch nach oben verdrehten Augen der Weinverkoster ... man muss sich schon gedulden, will man erfahren, was man ahnt, nämlich, dass ihm Frau Schiller bisher noch widerlicher als ein nach innen wachsendes Nasenhaar, wenn ich also bisher etwas noch widerlicher fand als das Abrinnen des Speichels aus einer Jazztrompete beim Wechseln des Mundstücks oder das Schweinsbratenrezeptbuch unserer Familienministerin, der ein quengelndes Kind in einem Vierhaubenrestaurant trotz neuester Schweinsbratenvariationen den Appetit verdirbt, oder das Fußballeuropameisterschaftsdeppentum mit seiner Idiotenendlosschleife "I wea narrisch, i wea narrisch, i wea narrisch" ... die Liste der Leiden eines Philosophieprofessors zu Graz ist endlos, wenn ich also, sage ich, bisher etwas noch widerlicher fand als die erwähnten Widerlichkeiten, egal, ob einzeln oder zusammengenommen, dann waren es die Verrenkungen der Tanzprofis bei der Ausübung ihrer Profession: vom Körper eidechsenhaft abgestreckte Köpfe, spinnengleich weggespreizte Finger, gottesanbeterinnenartig ausgedrehte Ellbogen.

Ich übergehe jetzt aus Platzgründen einige Objekte professoralen Ekels und setze fort mit Grazie, Grazie, dass einem schlecht wird: Magenumstülpgrazie. Ich glaube, nicht einmal Brechsüchtige, die mir meinen Kühlschrank mit der ganzen Menge dessen wieder vollfüllten, was sie zehn Sekunden vorher herausgeschlungen hatten, konnten mir bisher widerlicher sein.

Welch ein Leben! Und dann: Welch ein Wandel! Frau Schiller schlägt in den Philosophen ein wie der Blitz in den nächsten Dornbusch oder sonst wohin - plötzlich, grundlos, und der Professor ist Dancing Star. Saulus - Paulus: nichts dagegen. Warum sage ich das? Weil das alles nicht mehr stimmt. Weil ich ab sofort ein Tanzfan bin. Und weil ich mir überlege, ob ich - bitte, ich bin fünfzig plus, das ist doch kein Alter! - meinen Uni-Job an den Nagel hängen und Tanzprofi werden soll. Und wem verdankt er diese Wende von der Magenumstülpgrazie zum gottesanbeterinnenartig ausgedrehten Ellbogen? Diesen meinen Weltsichtwandel verdanke ich Jeannine Schiller. Ihr ist es zu verdanken, dass die "Dancing Stars" ... nun endlich durch die Fünfzig-plus-Grazie des reifen Menschen geadelt wurden. Wenn das kein Grund ist! Jawohl, geadelt von einem reifen Menschen, wie ich auch einer bin. Jeannine Schiller war bereit, die "Sau rauszulassen", natürlich mit äußerem Anstand und innerem Ebenmaß. So sind wir Fünfziger-plus eben, wenn sich nicht gerade die Semmelbröseln in den Ärmeln unseres Morgenmantels verkriechen.

Und dann kennt der entfesselte Prometheus der Ballroom-Erotik kein Halten mehr. "Wir hatten bis jetzt noch keinen erotischen Tanz", muss sich Frau Schiller über Mangel an Feuer beklagen, "aber das trau' ich mir schon zu!" Da ist auch er soweit, die Sau rauszulassen: Ich spüre bereits, wie mein Kopf angenehm luftig und leer wird, weil mir mein Blut Jive-lustig in den Beinen sprudelt. Danke Jeannine, danke!

Wer solches bewirkt, trägt den Titel Österreichs Charity-Lady Nr. 1 zu Recht. Und wer sich nicht im Elfenbeinturm der Philosophie verschloss, wie etwa gröbere Naturen in den Medien, hatte jahrzehntelang Gelegenheit, sich von Frau Schiller zu wahrem Leben erwecken zu lassen. Welch eine Verschwendung an Möglichkeiten höchsten Glücks, bis fünfzig-plus zu warten! Aber zugegeben, beim Doktor Faust hat es auch länger gedauert, bis ihm der Knopf aufgegangen ist. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 8./9.3.2008)