Karl Heinz Gruber*

Eltern, die dieser Tage ihre Volksschul-Viertklässler für ein Gymnasium oder eine "Neue Mittelschule" anmelden, wurden durch die Nachricht alarmiert, dass möglicherweise das Los über die Schulkarriere ihrer Kinder entscheiden soll. Schulisches Roulette? Ein pädagogisches "Frankenburger Würfelspiel"? Oder doch nur eine der vielen Notlösungen in einer verfahrenen schulpolitischen Situation?

In allen Ländern ist die Rekrutierung bzw "Allokation" von Kindern für bestimmte Schulen potenziell brisant, weil dabei unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen: die Bildungsambitionen der Eltern, die Leistungsfähigkeit ("Begabung") des Kindes, die Aufnahmekapazität der angestrebten Schule und die demokratische Verpflichtung der Bildungspolitik, für Effizienz und systemweite Fairness ("Chancengleichheit") zwischen den Kindern und zwischen den Schulen zu sorgen.

Wie der internationale Vergleich zeigt, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie Kinder zu ihren Schulen bzw. Schulen zu ihren Schülern kommen können. Manche dieser Optionen sind rational, fair, ehrlich und politisch mühsam, andere sind unfair und verlogen und drücken sich um grundlegende politische Probleme herum. Die Hauptvarianten der Sekundarschulaufnahme sind:

1. Die mehr oder weniger "freie" Elternwahl;

2. Schulsprengel als unmittelbare Umgebung der Schule;

3. gezielt konstruierte Schulsprengel, die "soziale Durchmischung" (französisch so schön "mixité sociale" genannt) der Schülerschaft gewährleisten sollen;

4. "balanced ability"-Verfahren, die dafür sorgen, dass alle Sekundarschulen ihren "fairen" Anteil an tüchtigen, aber auch an besonders zuwendungsbedürftigen Schülern (z. B. Immigrantenkinder) erhalten;

5. die Designierung von Grundschulen als "Zulieferschulen" zu einer bestimmten, nicht notwendigerweise der nächstgelegenen, Sekundarschule;

6. der Losentscheid.

Die Verfahren 3), 4) und 5) werden in manchen Gesamtschulsystemen praktiziert.

In allen Schulsystemen gibt es Schulen, die für ambitionierte, wohlinformierte Eltern attraktiver sind als andere; in manchen Fällen beruht die Reputation einer Schule auf einem durch veröffentliche Testleistungen nachgewiesenen höheren Leistungsniveau, manchmal stammt der "gute Ruf" der Schule bloß daher, dass sie in einer "guten Wohngegend" liegt und mehrheitlich von Kindern aus "guten Familien" besucht wird.

Keine Abweisung ...

Wo immer Schulen "übersubskribiert" sind, also mehr Eltern ihre Kinder anmelden, als es dort Schulplätze gibt, ist die elterliche Wahlfreiheit eingeschränkt, und es werden eines oder mehrere der Verfahren von 2) bis 6) angewandt. In England und Frankreich versucht man durch besondere "codes of admission" sicherzustellen, dass "middle class parents" das Gesamtschulprinzip nicht durch vorgetäuschte Wohnadressen, angebliche "besondere Begabungen" ihrer Kinder etc. austricksen (was den Schulbehörden nur zum Teil gelingt).

Nach der "Logik" des österreichischen Schulorganisationsgesetzes müsste die Aufnahme in die AHS "meritokratisch" erfolgen, das heißt alle Kinder müssten auf ihre AHS-Befähigung hin diagnostiziert und kein Kind, das die AHS-Aufnahmekriterien erfüllt, dürfte abgewiesen werden. Zur dunkelsten der vielen Dunkelziffern der österreichischen Bildungspolitik dürfte die Zahl der Eltern gehören, die sich bei der AHS-Aufnahme "abschasseln" lassen, obwohl ihre Kinder die Aufnahmekriterien erfüllen.

Wie wenig die erforderlichen "Einser" und "Zweier" in Deutsch und Mathe des Halbjahreszeugnis der 4. Volksschulklasse psychometrisch wert sind, weiß die Bildungsforschung schon lange, ist aber natürlich nicht die Schuld der Volksschullehrerinnen; die österreichische Leistungsbeurteilung ist nun mal hochgradig subjektiv.

Angeblich gibt es Schulen, bei denen sich mehr Kinder mit "lauter Einsern" beworben haben, als die Schule Plätze hat; wenn die Option von Containerklassen im Schulhof nicht infrage kommt, beibt nur die Aufnahmeentscheidung durch das Los; das mag zwar nach "Gleiches Unrecht für alle" klingen, ist aber sicher fairer, als wenn der akademische Titel des Papa und das Burberry-Kostüm der Mama im Aufnahmeverfahren eine "subtile" Rolle spielen.

... aber Leistungstest

Allerdings: Solange Österreich an der Selektion mit 9,5 Jahren festhält, kommt man um die Forderung nach Objektivierung des AHS-Aufnahmeverfahrens durch standardisierte Schulleistungstests nicht herum, und zwar nicht bloß im Falle der "Übersubskription" von Schulen und nicht bloß für diejenigen Kinder, deren Eltern gymnasiale Aspirationen haben, sondern - im Interesse der Chancengleichheit und der Mobilisierung der nationalen "Begabungsreserven" - für alle Kinder. Auch das mag nach "Gleiches Unrecht für alle" klingen, ist aber - siehe oben.

Anlässlich der Beratungen des Unterrichtsausschusses über die Einführung von "Bildungsstandards" in der Vorwoche haben sich laut Standard vom 5. März "konsultierte Experten" dagegen ausgesprochen, dass die mit den Standards verknüpften Tests in die Leistungsbeurteilung einfließen. Die "Experten" scheinen zu übersehen, dass es sich nicht einmal Gesamtschulsysteme leisten können, auf die "Eichung" der Leistungsbeurteilung der Lehrer durch Tests zu verzichten, obwohl es dort bis zum Ende der Schulpflicht keine Selektion für verschiedene Schulformen gibt. In Österreich ist die AHS-Auslese jedoch eine die Schulkarriere so nachhaltig determinierende Weichenstellung (in der OECD-Sprache eine "high stake transition"), dass sie so objektiv und fair wie möglich zu erfolgen hätte.

Apropos "Frankenburger Würfelspiel": Im Mai 1625 ließ Graf Herbersdorf 36 gefangengenommene aufständische Bauernführer im oberösterreichischen Frankenburg paarweise um ihr Leben würfeln. Die Verlierer wurden gehängt. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei angemerkt, dass die Verlierer einer Losentscheidung im Rahmen der Bewerbung um einen Platz an einer AHS oder einer Versuchschule am Leben bleiben werden; sie werden bloß in eine Hauptschule verwiesen, die sie eigentlich meiden wollten. (DER STANDARD Printausgabe, 12. März 2008)