Österreich hat ein paar hausgemachte Probleme mit dem militanten Islamismus, ein paar importierte - und hin und wieder auch ein paar exportierte, in Form von österreichischen Touristen, die die islamische Welt bereisen. Zwar nicht mehr mit dem guten alten Karl May im Gepäck, aber irgendwo im Kopf reist er mit: Fantasie, Abenteuerlust, der passende Mut, leidliche Erfahrung - und eine ordentliche Portion Romantizismus. Und so kommt man im bewährten Touristenland Tunesien an die algerische Grenze.

Djihad im Wohnzimmer

Und der Djihad wieder einmal ins österreichische Wohnzimmer und mit ihm die Fragen, ob Österreicher mehr oder weniger gefährdet sind als andere, ob die österreichische Außenpolitik etwas dazu tut oder dagegen tun kann, und natürlich auch, ob der österreichische Staat genug unternimmt, um die Abenteurer zu retten. Die und deren Angehörige müssen sich jedoch mit der für sie unerfreulichen Tatsache abfinden, dass, würde man auf die vox populi, des steuerzahlenden populus nämlich, hören, der Einsatz für die Entführten eher kleiner als größer ausfallen würde.

Noch stärker war diese Stimmung nach der Entführung des für eine Sicherheitsfirma arbeitenden Oberösterreichers, der seit November 2006 im Irak verschwunden ist. Seine Entführung hat andere Österreicher im Übrigen nicht etwa abgehalten, sich bei im Irak operierenden Sicherheitsfirmen zu bewerben, im Gegenteil. Manche kamen so erst überhaupt auf die Idee.

Die Psychogramme dieser Leute zu erstellen, ist hier nicht angesagt, genauso, wie infrage zu stellen, ob zu wagemutigen österreichischen Touristen etwa nicht bedingungslos geholfen werden muss: Natürlich muss es das, das ist die Aufgabe des Staates, und wer würde es in einer solchen Situation wagen, Unterscheidungen zu treffen?

Die gute Nachricht für die Entführten und für ihre Angehörigen ist erst einmal, dass die Chancen gut stehen. Zwar handelt es sich bei Al-Kaida um eine Organisation, die Entführte aus ideologischen Gründen tötet - und aus taktischen, rein um Terror zu verbreiten. Man denke an die Enthauptungen vor laufenden Kameras im Irak oder in Pakistan. Im Süden der nordafrikanischen Länder scheinen Entführungen jedoch bisher hauptsächlich in das Kapitel Beschaffungskriminalität zu fallen.

Entführung als Geldbeschaffung

Es ist bekannt, dass die Entführung einer großen Touristengruppe vor fünf Jahren ein blendendes Geschäft war, die Gelder flossen offenbar hauptsächlich in Waffenkäufe. Dass man aus Entführungen Geld lukrieren will, wird sich auch nicht geändert haben, wenn die ehemals algerische "Salafistengruppe für Predigt und Kampf" nun als "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" agiert. Was von Österreich an anderen Dingen erpressbar wäre, ist gering, verglichen mit dem Nutzen einer netten Finanzspritze für "wichtigere" Operationen.

Über den österreichischen Aspekt hinaus zeigt der Fall jedoch in ernüchternder Weise, dass jede Aussage über Fortschritt im Kampf gegen den internationalen islamistischen Terrorismus, für den "Al-Kaida" nicht mehr als eine Chiffre ist, mit großer Vorsicht zu genießen ist. Was wir beobachten, ist eine ständige Verlagerung der Gruppen, die aus nicht immer ganz durchschaubaren Gründen ihre Schwerpunkte verändern. Wenn die USA etwa Al-Kaida im Irak momentan als beinahe "ausgerottet" bezeichnen, so ist das ein (ohnehin fragwürdiger) lokaler Befund, nicht mehr.

Und warum sollte sich der militante Islamismus ausgerechnet aus Nordafrika verabschieden und fernhalten, ohne dass sich dort in anderer Hinsicht etwas ändert: etwa beim undemokratischen, autoritären - und vom Westen fast gänzlich unkritisierten, weil nützlichen - Regime in Tunesien. Nach der Delegitimierung der Demokratisierungsbewegungen durch den Irak-Krieg, der unter diesem Banner geführt wurde, bleibt der politische Islam weiter der einzige offene Raum. Der Maghreb liegt zu nahe, als dass uns das egal sein könnte. (Gudrun Harrer, DER STANDARD Printausgabe, 12.3.2008)