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Auch beim Lächeln zeigt man Zähne: Verteidiger Manfred Ainedter (li.) und Ankläger Friedrich König sorgen für Emotionen

Foto: Reuters/Heinz-Peter Bader
Wien - Natürlich ist es hinterhältig, wenn private Telefongespräche aufgenommen und später in einem Gerichtssaal vorgespielt werden. Und man sich selber mit den Worten "Ich kann nicht sagen: Arschlöcher, geht's scheißen" hören muss. Ernst Geiger muss das am Dienstag im großen Schwurgerichtssaal im Grauen Haus über sich ergehen lassen. Strafrechtlich relevant sind verbale Ausfälle selbstverständlich nicht, den Heiterkeitspegel im Gericht heben sie allerdings merklich. Zur Wahrheitsfindung tragen die Telefonate nur indirekt bei, der endgültige Beweis, dass der Wiener Kripochef seinem abgehörten Duzfreund aus dem Rotlicht-Milieu, Wolfgang Bogner, den Termin einer Razzia verraten hat, fehlt.

Der gesamte Fall ähnelt einem Kaleidoskop. Geiger, der frühere Polizeikommandant Roland Horngacher, Bogner, Kriminalist Roland Frühwirth, Verteidiger Manfred Ainedter, Staatsanwalt Friedrich König - je nachdem, welchem der Beteiligten man mehr Glauben schenkt, desto besser fällt das eine oder andere Stück in die Argumentationskette. Ein Telefonat kann ebenso als Schuldbeweis wie als harmlose Plauderei ausgelegt werden. Fast alles kann Zufall oder aber (böse) Absicht gewesen sein.

Wallungen

Dieser breite Interpretationsspielraum bringt am Dienstag die Temperamente wieder gehörig in Wallung. "Kann man diese Frage-Antwort-Spiele in einem Tonfall führen, der einem Gerichtssaal angemessen ist", müht sich Vorsitzende Minou Factor geduldig-bestimmt, die Streithähne König, Ainedter und Geiger zur Räson zu bringen.

Das Hickhack beginnt am Morgen: Ainedter stellt einen Befangenheitsantrag gegen den Anklagevertreter, der abgelehnt wird. Es folgt der Antrag, die abgehörten Anrufe nicht vorzuspielen, da die polizeilichen Ermittlungen gegen Bogner von Haus aus konstruiert und rechtswidrig gewesen seien, was vom Schöffensenat ebenso zurückgewiesen wird.

Die wichtigste Kronindizien der Anklage sind zwei Gespräche, die Bogner während und drei Stunden nach einem Treffen mit Geiger führt. Noch während die beiden am 10. März 2006 im Café Schottenring sitzen, meldet sich Bogner bei seinem Anwalt und bestellt ihn mit Vehemenz für den Abend in die "FKK-Sauna" Goldentime. Warum, könne er am Telefon nicht sagen. Später ruft Bogner einen Geschäftspartner an und eröffnet ihm, dass es am Abend wieder "Besuch" in der Sauna geben werde. Einen Abend zuvor war im Telefonat mit demselben Geschäftspartner noch keine Rede davon.

Eigenartige E-Mail

Geiger erklärt die ganze Sache anders: Sein Freund habe schon länger Angst gehabt, auf der "Abschussliste" der Polizei zu stehen, und "schikanöse" Razzien in seinem Bordell beklagt. Als Geiger am Morgen des 10. März dann die Ankündigung einer weiteren Durchsuchung in einer polizeiinternen "eigenartigen E-Mail" gesehen hatte, wollte er den Vorwürfen nachgehen und traf sich mit Bogner, um von ihm eine Liste aller bisherigen Durchsuchungen zu bekommen. Vielleicht habe dieser daraus auf eine bevorstehende Razzia geschlossen, verraten habe er sie ihm jedenfalls nicht.

Warum er sich nicht an interne Ermittler gewandt habe, wenn ihm die Razzia verdächtig vorgekommen ist, will Staatsanwalt König wissen. "Es hätten auch Zufälligkeiten sein können", gesteht Geiger ein.

Am Mittwoch wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 12.3.2008)