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Karl Marx' Büste (oben) und Grabstein in London: "Die Welt zu verändern" muss nicht zwangsläufig bedeuten, sie auch richtig interpretiert zu haben.

Foto: APA/EPA/Andy Rain

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Am 14. März 1883 starb in London der Philosoph Karl Marx. Mit seinen Kapitalismustheorien wurde er zum zeitweilig einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Doch ist das „Gespenst des Kommunismus“ mit ihm auch schon abgetan?

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Über Karl Marxens physisches Ableben vor 125 Jahren besteht genau genommen kein Zweifel. Der bärtige Spross einer konvertierten Rabbinerfamilie aus Trier starb 64-jährig in London. Es war ihm nicht gelungen, sein Haupt- und Alterswerk Das Kapital fertigzustellen. Diese Arbeit musste der getreue Friedrich Engels zu Ende bringen - und es ist immer wieder ein Quell des heiteren Erschreckens, Engels bei der Abwehr "falscher" oder auch bloß eilfertiger Interpreten zuzusehen, die aus Marx, dem eigentlichen Lobsänger des Kapitalismus, einen emphatischen Barrikadenkämpfer machen wollten.

Marx hat nicht nur der deutschen idealistischen Philosophie den Todesstoß versetzt. Er vollendete seinen virtuellen Lehrmeister Hegel, indem er dessen "Geist"-Philosophie kurzerhand umstülpte. Fortan war die Geschichte der Menschen nicht mehr als dialektischer Spuk der Vernunft zu begreifen - sondern als die planmäßige Entfaltung ihrer "reellen" materiellen Bedingungen.

Kein Verfechter der globalen Marktwirtschaft würde eine der wesentlichen Prämissen des Marx'schen Denkens heute zur Gänze verwerfen. Der Mensch als "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" tritt nicht an und für sich in Erscheinung. Er sieht sich vielmehr einer "Ding- und Sachenwelt" gegenüber, die den Menschen ihrerseits "besitzt": ihn im Wege der Lohnarbeit "verdinglicht", ihn und sein Arbeitsvermögen zur "Ware" macht.

Tausch und "Warenform"

Das ist so - und das ist in Maßen auch gut so. Weil Marx unter keinen Umständen gesonnen ist, den Menschen als reines Naturwesen zu betrachten, sondern im Kapitalismus vielmehr jene Geschichtsformation erblickt, die sämtliche Beziehungen und Verkehrsformen zwischen den Menschen ihrerseits unter die "Warenform" presst, sie also der Äquivalenzform des Tauschs unterwirft, gibt es unter Menschen bloß noch versachlichte, man könnte sagen: "unpersönliche" Beziehungen.

Das ist leicht einzusehen: Kein verdrossener Empfänger eines unerfreulichen Lohnzettels wird darauf bestehen wollen, persönlich Bekanntschaft mit seinem Firmenleiter zu schließen - Betriebsfeiern ausgenommen. Kein Lohnabhängiger muss mehr - als "Sklave" - den Rasen seines Chefs in der Freizeit mit Wasser sprengen.

Wir mehr oder minder freiwilligen Teilnehmer an der globalen Kapitalwirtschaft haben allen Formen einer unmittelbar gewalttätigen Gehorsamserpressung erfolgreich abgeschworen: kein geringer Triumph. Und alle sozialdemokratischen oder auch nur gewerkschaftlichen Interessenvertreter haben am Zustandekommen dieses Erfolgs über 120 Jahre lang wirkungsvoll und vielfach unbedankt mitgewirkt. Dass für das Zustandekommen "lebbarer" Verhältnisse unbedingt eine gewaltsame Revolution vonnöten sei - dieser "radical chic" treibt heute nicht einmal mehr Attac-Aktivisten um.

Die Pointe von Marx' Langzeitwirkung besteht denn auch nicht darin, dass sein Einfluss mit dem Kollaps der parteikommunistischen Einflusssphäre erloschen wäre. Gewiss: Leiblich ist Marx 1883 abgetreten - und der Realsozialismus brach 1989 ruhmlos in sich zusammen. Im Nu schimpfte man den posthum zurechtgemodelten Partei-Ideologen ob seiner durchschlagenden Wirkungslosigkeit einen "toten Hund".

Der dichtende Ökonom

Aber, um im Bild zu bleiben: Das Hündchen versteht es trefflich zu apportieren. Heutige (westliche) Marx-Leser erkennen im Ahnvater des östlichen Totalitarismus den niemals veraltenden Sachkundelehrer: Marx, darin sind sich Interpreten wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann (Man stirbt nur zweimal, Sonderzahl Verlag) oder Essayist Robert Misik (Marx für Eilige, Aufbau Verlag) einig, hat die politische Ökonomie der Industriegesellschaft mit beispielloser Konsequenz zu Ende gedacht - häufig unter Absehung von ihm zugänglichem Datenmaterial.

Marx hat in seinen Schriften ein genialisches Ballett der Begriffe aufgeführt. Exegeten wie Liessmann bescheinigen ihm überhaupt eine literarische (!) Rundumkompetenz: Das Kapital, dessen bemerkenswert trockene Theoriestrecken auch gutwillige Marxisten zur Verzweiflung gebracht haben, sei als Roman unserer Gesellschaft zu lesen - und damit basta. Man erfreut sich daran, dass es so schlimm nicht hat kommen müssen: Das Proletariat, von Marx gegen jede Wahrscheinlichkeit zum "schlechthinigen" Instrument der Umwälzung auserkoren, hat sich keinen Deut um seinen "Erfinder" geschert. Und heutige "McJobs" würden sich wohl überhaupt gegen Marx'sche Zumutungen verwehren.

Was bleibt? Ein schaudervoller Genuss, gespeist aus der Idee, die Zusammenhänge unserer Arbeitsexistenzen "zur Gänze" zu durchdringen. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2008)