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Ernst Geiger nach der Urteilsverkündung: "Ich habe es immer erhofft."

Foto: Reuters/HERBERT NEUBAUER
Wien - "Ich habe damals nicht gewusst, dass diese Viertelstunde mein Leben entscheiden wird, deswegen kann ich mich nicht mehr an jedes Detail erinnern." Ernst Geiger ringt um seine Worte, als er am letzten Tag seines Prozesses rund um Amtsmissbrauch noch einmal von der Vorsitzenden Minou Factor vernommen wird. Zu jenem 11. März 2006, als er sich im Cafe Schottenring mit seinem Freund, dem FKK-Saunabetreiber Wolfgang Bogner, getroffen hat. Eine Viertelstunde lang, bei der er ihm verraten haben soll, dass am selben Abend eine Razzia in der Sauna stattfindet, wie Staatsanwalt Friedrich Koenig behauptet hat. Was der Schöffensenat nicht geglaubt hat. Nach über einstündiger Beratung verkündete das Gericht den nicht rechtskräftigen Freispruch im Zweifel.

In Wahrheit saß während des gesamten Prozesses nicht nur der ehemalige Wiener Kripochef Geiger auf der Anklagebank. Sondern ein wesentlicher Teil der Wiener Kriminalpolizei. Und die schaute dabei gar nicht gut aus. Ankläger Koenig kündigte in seinem Schlussplädoyer an, die gesamten Ermittlungen zur "Saunaaffäre" prüfen zu lassen. Schwebt doch mehr als nur ein Hauch von Amtsmissbrauch im Raum - allerdings nicht durch Geiger, sondern durch die gegen ihn ermittelnden Kriminalisten. Denn was Koenig darüber seit Montag gehört habe seien "haarsträubende Geschichten" und "empörende Dinge."

Eine Einschätzung, die auch das Gericht teilte. Vor allem die Aussage von Roland Frühwirth, ehemals Leiter der Kriminaldirektion (KD) 1, der die Untersuchung gegen Bogner und Geiger geführt hat, wurde in der mündlichen Urteilsbegründung von Richterin Factor um 21.30 Uhr zerpflückt. Denn Frühwirths Angaben, wie die gesamte Saunaaffäre gelaufen sei, müsse "der Schöffensenat einfach jede Glaubwürdigkeit absprechen." Geigers Aussagen seien dagegen glaubwürdig gewesen. Und da die Indizien sowohl für als auch gegen ihn ausgelegt werden können lautete das Motto: im Zweifel für den Angeklagten.

Lüge von Anfang bis Ende

Geigers Anwalt Manfred Ainedter hatte schon im Schlussplädoyer seine vernichtende Meinung über Frühwirth kund getan. "Ich glaube, dass seine Aussage von Anfang bis zum Ende eine Lüge gewesen ist. Und da kann er mich ruhig klagen", donnerte der Verteidiger. Der überhaupt noch nie einen Prozess wie den gegen seinen Duzfreund Geiger erlebt hat. Noch nie habe es so gestimmt wie bei dieser Neuauflage (das mit einem Schuldspruch beendete Verfahren vom August 2006 wurde vom Obersten Gerichtshof wegen eines Formalfehlers annulliert), dass die "Wahrheit eine Tochter der Zeit" sei.

Saßen beim ersten Urteil Geigers interne Konkurrenten Roland Horngacher und Roland Frühwirth noch fest im Polizeisattel, änderte sich die Situation danach grundlegend. Horngacher ist mittlerweile selbst, nicht rechtskräftig, wegen Amtsmissbrauchs verurteilt, Frühwirth nicht mehr KD 1-Chef. Und schließlich gibt es den polizeiinterne Prüfbericht vom Dezember 2007, der auch im Mittelpunkt der Verhandlungsführung von Vorsitzender Factor stand, der Frühwirth und seinen Beamten schwere Verfehlungen bei den gesamten Ermittlungen vorwirft. Und Geigers Viertelstunde wurde in diesem Licht neu bewertet. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 14. März 2008)