Zu Fuß durch Colorado - allerdings auf vier Beinen.

Foto: Endlweber

Auf dem Weg durch Colorados Hochgebirgslandschaft treffen die Reiter oft tagelang keinen Menschen. Deswegen tragen die beiden Packpferde neben der Campingausrüstung auch ausreichend Proviant.

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Grafik: DER STANDARD

Es ist einer jener Bilderbuchtage in den Rocky Mountains Colorados. Auf einem der Bergrücken hebt sich eine kleine Karawane als Silhouette gegen den tiefblauen Himmel ab: zwei Reiter, zwei Packpferde und ein kleiner Hund, der munter vorneweg springt. Sie sind unterwegs am Continental Divide Trail, einem 5000 Kilometer langen Wanderweg, der sich entlang der kontinentalen Wasserscheide von der mexikanischen zur kanadischen Grenze quer durch die Rocky Mountains zieht. Die Pferde sind klein und kräftig. Es sind Mustangs, die Wildpferde Amerikas.

Am Continental Divide Trail unterwegs zu sein bedeutet in schwindelerregende Höhen emporzusteigen. Auf steilen, engen Pfaden führt der Weg auf fast 4000 Meter hinauf. Die Luft in dieser Höhe ist dünn, die Aussicht überwältigend. Colorados Hochgebirgslandschaft ist eine der faszinierendsten der Welt. Weit südlicher gelegen als die Alpen, liegt die Baumgrenze bei circa 3500 Metern, und auf 3800 Metern blühen noch Enzian und Almenrausch.

Jedes Gebirge bildet eine Wasserscheide. Das Einmalige der kontinentalen Wasserscheide ist jedoch, dass sie auf einer Linie von mehr als 8000 Meilen von Wales, Alaska, bis zum Panama Kanal die Zuflüsse zu zwei Ozeanen teilt. Alles Wasser im Westen fließt in den Pazifik, während das Wasser im Osten dem Atlantik zuströmt.

Wilde Mustangs leben noch heute in großen Herden im Westen der USA. Wer in Colorado im Gebiet der Little Book Cliffs nordöstlich von Grand Junction oder im Sandwash Basin im Nordwesten des Landes unterwegs ist und aufmerksam die Prärie links und rechts der Straße beobachtet, hat gute Chancen, wilde Pferde zu sehen. Sie kamen im 16. Jahrhundert mit den spanischen Eroberern ins Land, entliefen und verwilderten. Es ist schwer vorstellbar, doch bis zu diesem Zeitpunkt lebten Indianer ohne Pferde. Mustangs wurden im vergangenen Jahrhundert gejagt, weil sie mit den riesigen Rinderherden um das Farmland konkurrierten. Um 1960 waren sie fast ausgerottet.

Doch nicht allen Farmern waren sie ein Dorn im Auge. So mancher Rancher wusste den Anblick einer Herde Wildpferde, die kraftvoll über das Land galoppierte, sehr wohl zu schätzen. Vor allem einer Frau, die als "Wild Horse Annie" bekannt wurde, ist es zu verdanken, dass diese Wildpferde heute unter Schutz stehen.

Gelegentlich gelingt es einem Puma, ein Fohlen zu erlegen. Doch außer dieser Wildkatze haben Mustangs keine natürlichen Feinde. Daher wächst die Herde jährlich um etwa 15 bis20 Prozent. Das amerikanische Bureau of Landmanagement kontrolliert den Bestand an Wildpferden. Wird die Herde zu groß, werden einige Tiere in "Round-ups" eingefangen und zur Adoption freigegeben. Mustangs sind trittsicher und ausdauernd, und sie sind es gewohnt, in der Wildnis zu überleben. Sie brauchen keinen Stall, kein Dach über dem Kopf und kein Spezialfutter. Sie sind ein idealer Partner für eine Reise durch die Rocky Mountains.

Zunächst riecht es nach Lagerfeuer. Dann mischt sich der Duft von frischem Kaffee zu dem Geruch von brennendem Holz. Ein neuer Tag in den Bergen Colorados beginnt. Auf der taunassenWiese vor dem Zelt grasen vier Pferde. Ein kurzes, aber erfrischendes Bad im Fluss, ein kräftiges Frühstück, bestehend aus selbstgebackenem Fladenbrot und Müsli, dann werden Zelt und Proviant in großen Boxen und Taschen auf den Packpferden verstaut und die Reitpferde gesattelt. Gemütlich setzt sich die keine Gruppe in Bewegung. Der Weg durch den dichten Wald ist schmal und bietet gerade genug Platz für ein Pferd. Im Gänsemarsch geht es bergauf. Der Mann reitet vorn. Die Packpferde folgen ihm bereitwillig. Die Frau reitet zuletzt, achtet darauf, dass nichts verlorengeht. Umgefallene Bäume liegen kreuz und quer und manchmal auch über dem Pfad. Wilde Pilze wachsen am Wegesrand, sie sind einladend, doch viele davon giftig. Die Luft ist nach einem nächtlichen Gewitter frisch und duftet nach Tannennadeln und Moos.

Nach und nach lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf die Berggipfel frei, die in der Morgensonne leuchten. Eine sommerliche Blumenwiese breitet sich links und rechts des Weges aus: feuerroter Indian Paintbrush und weiße Colorado Columbine, die an Orchideen erinnert. An 300 Tagen im Jahr scheint in Colorado die Sonne, an den restlichen Tagen fällt wohl der Pulverschnee, der im Winter tausende Skifahrer nach Colorado lockt. Es ist einsam in dieser Gebirgswelt. Man kann tagelang unterwegs sein, ohne einen Menschen zu treffen. In welche Himmelsrichtung man auch blickt, keine Zeichen der Zivilisation stören das Auge, keine Hochspannungsleitung, keine Straßen, keine Sendemasten. Hin und wieder begegnet man einem einsamen Wanderer, manchmal auch Mountainbikern, doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass man tagelang keine Menschenseele sieht.

In diese Einsamkeit passen die Geisterstädte wie St. Elmo, das wie viele Ghost Towns während der Zeit des Gold- und Silberrausches Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde. Damals lebten rund 2000 Menschen in dem Städtchen westlich von Buena Vista und arbeiteten in den mehr als 150 Gold- und Silberminen in der Umgebung. Als die Bahnlinie nach St. Elmo 1922 eingestellt wurde, verließen die letzten Einwohner den Ort. Mehr als 20 Gebäude aus dieser Zeit sind noch erhalten, darunter der Saloon, das Gericht und der General Store, der noch heute während der Sommermonate für Touristen in Betrieb ist.

In steilen Serpentinen führt der Weg hinauf, direkt auf die kontinentale Wasserscheide, die sich als markanter Gebirgskamm aus der Landschaft erhebt. Als Reiter muss man sich weit nach vorn lehnen, um das Pferd zu entlasten. Es ist ungemütlich und trotzdem viel angenehmer, als in dieser Höhe und der dünnen Luft zu Fuß zu gehen. Links und rechts geht es einige hundert Meter in die Tiefe. Weit unten schimmert ein blauer Gebirgssee knapp über der Baumgrenze. Nur das schrille Pfeifen der Murmeltiere durchbricht die Stille der Bergwelt.

Es ist ein herrlicher Tag, sonnig und warm. Trittsicher und ruhig trotten die Pferde über den steinigen Trail, immer wieder rupfen sie ein paar Grashalme vom Wegesrand. An einem kleinen Bergsee wird gerastet. Die Pferde werden abgepackt, die Pferdedecken ausgebreitet. Die Reiter lassen sich müde darauf fallen und strecken sich genüsslich in der warmen Sonne. Das Wasser im See ist eiskalt, trotzdem fühlt es sich herrlich an, die müden Füße kurz hineinzustrecken. Die Bergluft macht hungrig. Die Frau holt einen Sack Nüsse aus der Satteltasche, er reicht ihr seine Wasserflasche. Die kleine Hündin rollt sich zwischen den beiden zusammen und genießt die Körperwärme. Alle drei dösen einige Minuten, dann ist es Zeit aufzubrechen, weiterzuziehen, obwohl auch der Platz am See zum Verweilen einladen würde. Die Pferde werden wieder gesattelt und gepackt. Die Frau stöhnt unter der Last der schweren Boxen, als sie sie heranschleppt, doch den Pferden scheint das Gewicht nichts auszumachen. Nach vielen Wochen in den Bergen haben sie eine gute Kondi-tion. Der Weg führt nun wieder hinab, hinein in den Wald.

Am späten Nachmittag wird nach einem Lagerplatz Ausschau gehalten. Schöne Wiesen-plätze an Flüssen oder Seen gibt es in Fülle und auch ausreichend Futter für die Pferde, die nun schnell abgepackt werden. Ihrer Last entledigt, beginnen sie zufrieden zu grasen. Gemeinsam wird das Zelt aufgestellt. Die Berge glühen in der Abendsonne und spiegeln sich feuerrot in dem stillen Wasser eines kleinen Sees, der durch einen Biberdamm entstanden ist. Es ist still, nur das Prasseln des Feuers und das gleichmäßige Kauen der Pferde ist zu hören. Auf zwei dicken Ästen, die über dem Feuer liegen, kochen Nudeln in einem vom Ruß schwarzen Topf. Die beiden Reiter haben es sich mit einer Tasse in der Hand neben dem Lagerfeuer gemütlich gemacht. Wie gut schmeckt die erste Tasse Kaffee nach einem langen Tag im Sattel.

Wie gut ist es, die Beine zu strecken, die schmerzenden Knie zu massieren. Sieben Stunden waren sie heute unterwegs. Eines der Pferde nähert sich, stupst den Mann an der Schulter, verlangt seine abendliche Portion Kraftfutter. Die junge Hündin hat sich schon längst im Zelt verkrochen, nutzt die Gelegenheit, sich in einen der Schlafsäcke zu kuscheln. Das Abendessen ist einfach, Nudeln und Käse, doch nach einem Tag an der frischen Luft schmeckt jedes Essen einfach herrlich. Mit dem Einbruch der Dunkelheit verkriechen sich nun auch die Reiter im Zelt. Schnell raus aus den schweren Schuhen und den schmutzigen Reithosen und tief hineinkuscheln in die warmen Schlafsäcke.

Der kleine Hund muss nun auf seinen Platz und scheint gar nicht glücklich darüber zu sein. Im Schlafsack liegend, kann man jeden Muskel, jede Faser seines Körpers spüren. Eine angenehme Müdigkeit macht sich breit, das leise Pfeifen des Windes wiegt einen langsam in den Schlaf. Dann beginnen sie zu heulen, die Kojoten, und erinnern daran, dass in dieser Bergwelt auch wilde Tiere ihr Zuhause haben. Kojoten, Pumas und Schwarzbären leben in den Rocky Mountains Colorados, doch sie sind scheu, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass man ihnen begegnet. (Sonja Endlweber/DER STANDARD/Rondo/14.3.2008)