Die bewaffneten Männer im Schatten der Bäume irgendwo in der Wüste, der entführte Österreicher Wolfgang Ebner in traditioneller Kleidung, das verpixelte Gesicht einer Frau, die Andrea Kloiber sein dürfte - "ein Gutteil" der Geiselbilder ist nach Einschätzung des Wiener Orientalistik-Professors Rüdiger Lohlker Inszenierung, nicht nur eine Momentaufnahme vom derzeitigen Aufenthaltsort der Entführten. Hier gehe es vermutlich darum, vor einer malerischen Kulisse den Eindruck der Entbehrung zu vermitteln, der die Geiseln ausgesetzt sind, sagte er dem STANDARD. Damit soll Druck erzeugt werden, schließlich stellen die Terroristen Forderungen. Gleichzeitig zeigten die Bilder aber auch, dass die Entführten noch am Leben sind.

Das unkenntlich gemachte Gesicht der Frau könnte "das Erbe des algerischen Extremismus sein, eine Frau nicht auf einem Bild darstellen zu wollen", vermutet der Experte für Djihadismus im Internet. Gerade die algerischen Gruppen seien berüchtigt; die Terroristen wollten sich mit den Bildern "quasi übermäßig islamisch zeigen". "Es wird damit eben auch ein Signal an Sympathisanten übermittelt: Wir sind sehr, sehr genau", sagt Lohlker. "Das hat einen Propaganda-Effekt."

Die Mobilisierung von Sympathisanten sieht Lohlker bei dieser Art von Darstellung aber als einen zweitrangigen Aspekt. Die wahren Adressaten sind die Medien. Das zeigt kaum eine Website so gut wie das Forum al-Hisba, eine wichtige Adresse im djihadistischen Internet: "Die machen mit der ganzen Liste der westlichen Massenmedien auf, die bei ihnen - in Anführungsstrichen - akkreditiert sind", sagt Lohlker. Wer über ein solches Forum seine terroristische Botschaft verbreiten will, kann sich sicher sein, dass es bei den Massenmedien ankommt. "Da braucht man als djihadistischer Videofilmer nur ein bisschen Geduld", meint der Experte.

Djihad-Theorie zu Medien

Die Inszenierung für die Medien wird dabei ganz bewusst gestaltet, selbst theoretische Schriften von Gotteskriegern reflektieren den Einsatz von Medien. "Es ist inzwischen international den djihadistischen Gruppen bewusst, dass dies notwendig ist."

Eine zentrale Rolle spielt da der strategische Vordenker der Al-Kaida, der Syrer Mustafa as-Sitt Mariam, bekannt unter dem Namen Abu Musam as-Suri. Er hat eine der größten Abhandlungen über eine praktisch orientierte Theorie des Heiligen Krieges geschrieben. Darin habe er auch ausgeführt, "dass man auch Medienbrigaden aufbauen muss für einen erfolgreichen Djihad", sagt Lohlker.

Deshalb sind EDV- oder Filmkenntnisse auch Qualifikationsmerkmale, die bei den Mudjaheddin durchaus gefragt sind. "Wenn es um Rekrutierung geht und jemand unbedingt den Drang verspürt, in eine djihadistische Gruppierung aufgenommen zu werden, ist das ein Pluspunkt", so Lohlker.

Für die Medien hieße das, nüchtern und realistisch, nicht reißerisch über Drohbotschaften zu berichten. Wie die Berichterstattung das terroristische Vorgehen beeinflusst, habe man etwa bei den Videos gesehen, in denen Geiseln vor laufender Kamera geköpft wurden, sagt Lohlker: "Dass die Videos von vielen Massenmedien nicht so gepusht wurden wie erhofft, hat - neben der negativen Reaktion der arabischen Öffentlichkeit - dazu beigetragen, dass dieses Mittel zum Glück aus der Mode gekommen ist." (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.3.2008)