London - Als Karen Matthews ihre Tochter Shannon wieder in die Arme nehmen konnte, flossen ihr Tränen über die Wangen. 24 Tage lang war das Kind in der Gewalt eines Mannes, der als brutaler Pädophiler beschrieben wurde. Doch das Wiedersehen dauerte nur zwei Minuten. Dann nahmen Polizisten die Neunjährige zur Befragung über ihr Schicksal mit. Warum die Mutter so rasch von ihrem Kind getrennt wurde, gehört zu den offenen Fragen einer der mysteriösesten Kindesentführungen in Großbritannien.

Ähnlich wie im Fall der 2007 verschwundenen kleinen Madeleine hat sich im Inselkönigreich erneut eine Art medialer Voyeurismus breitgemacht. Ohne, dass es bisher ein offizielles Wort zum Ergebnis der Vernehmung des mutmaßlichen Entführers gab, ist dabei vor allem durch Angaben seiner Ex-Frau ein Bild des Grauens von der Zeit der Gefangenschaft Shannons entstanden.

Routinefragen

Gefunden wurde das Kind eher zufällig. Als Polizisten am Freitag an die Tür des heruntergekommenen Reihenhauses in einem Vorort der mittelenglischen Stadt Dewsbury klopften, machte niemand auf. Sie wollten den Mann lediglich routinemäßig befragen. Doch ein Nachbar erzählte, er habe "Kinderschritte" gehört. Wenig später brach ein Überfallkommando die Tür auf. Shannon wurde im Bettkasten eines Schlafsofas entdeckt, neben ihr lag ihr 39-jähriger Entführer und versuchte, dem Kind den Mund zuzuhalten.

Wenn stimmt, was seine Ex-Frau der Sonntagszeitung "News of the World" erzählte, könnten die Psychologen, die Shannon so behutsam wie möglich befragen, Furchtbares zu hören bekommen. "Er hat mich immer gezwungen, mich für Sex als Schulmädchen zu verkleiden", zitierte das Blatt die 37-Jährige. Geschlagen und gewürgt habe er sie immer wieder. "Und er hat früher schon Kinder entführt, dieser Mann ist ein Scheusal."

"Perverser Schuldirektor"

Selbst an seine eigenen beiden Töchter habe er sich herangemacht, bis sie ihm entzogen wurden. "Schweinische Sex-Notizen" soll er den Mädchen in die Stullenpakete für die Schule gesteckt haben. Im Bett habe er "fantasiert, er sei ein perverser Schuldirektor". Sie mache sich nun Vorwürfe, dass sie der Polizei nicht längst einen Hinweis gegeben habe.

Der Fall könnte also noch so einiges Widerliche offenbaren. Was er schon vorgeführt hat, sind erschütternde Lebensumstände eines Teils der Inselbevölkerung. Während das Fernsehen aus dem Wohnort der Eltern der bis heute verschwundenen Madeleine - des Ärzte-Ehepaares McCann - eine feine Welt des gehobenen Mittelstandes zeigte, brachte es nun Bilder bitterer Armut.

"Sehr unglücklich"

Die Häuser in Shannons Sozialwohnungsviertel "hatten zwar alle Such-Poster im Fenster", schrieb die "Times", "doch die Kameras zielten auch auf den Dreck und Unrat in den Vorgärten, auf zerbrochene Scheiben und weggeworfenes kaputtes Spielzeug." Sie zeigten Menschen, die zerzauste Haare, schlechte Zähne und keine Jobs haben und Bier auf der Straße aus Büchsen trinken.

Und die Zeitungen ließen nicht unerwähnt, unter welchen Umständen Shannon aufwuchs: Ihr leiblicher Vater hat sich von der heute 32-jährigen Mutter getrennt, die insgesamt sieben Kinder von fünf verschiedenen Vätern hat. Auskommen muss die Familie mit ihrer Sozialhilfe und dem, was ihr 22-jähriger Ehemann, der Vater ihres jüngsten Kindes, als Fischverkäufer nach Hause bringt.

Von Hinweisen, dass Shannon "sehr unglücklich war", hatten Zeitungen gleich nach ihrem Verschwinden berichtet. Am Sonntag hieß es in der "Daily Mail", der mutmaßliche Entführer habe angegeben, Shannons Familie, insbesondere die Mutter, sei am Verschwinden des Kindes nicht unbeteiligt gewesen. Gewiss sei bisher nur eines, sagte Chefinspektor Andy Brennan: "Wir werden diesen Fall vollständig aufklären." (dpa)