Eigenheim in exklusiver Meerlage: Das Hamburger "Rheingold" scheut nicht die Einsicht in bisher geleistete Deutungsarbeiten. Im Bild: Wolfgang Koch als Alberich (Mi.).

Foto: Rittershaus
Nun hat Simone Young endlich ihr eigenes "Wagalaweia": Seit ihrer Bayreuther Assistentenzeit bei Daniel Barenboim hält sie Richard Wagners Ring des Nibelungen für das unabdingbare "mission statement" (Originalton) eines anständigen Opernhauses, was man im einschlägigen Jargon wohl am besten mit "Meisterbrief des Opernkunstgewerbes" übersetzt.

Es war daher selbstverständlich, dass die australische Dirigentin die Monster-Tetralogie als Herzstück ih- rer Hamburger Intendanz plante, um mit dem zum ersten Mal selbst erarbeiteten "chef d'oeuvre" die höheren Wagner-Weihen zu erlangen. Dabei ging sie wie Loges listiger Lehrling vor: Sie setzte die einzelnen "Ring"-Teile so geschickt ans Ende ihrer Amtszeit, dass den Hamburgern, wollten sie den Fortgang des Unternehmens nicht gefährden, gar nichts anderes übrig blieb, als Youngs Vertrag sehr frühzeitig zu verlängern.

Alle Winkelzüge und aller Ehrgeiz helfen der Dirigentin aber nicht, wenn sie im Rheingold-Vorspiel auf dem Fundament des tiefen Es der Kontrabässe und des mehr zugeschalteten als beigemischten B der Fagotte mit nichts als drei Tönen eine neue Welt erfinden muss. Sehr breit, sehr träge, dabei aber luzide und vorschriftsgemäß heiter strömt's in der traulichen Tiefe des Orchestergrabens, wo Young ihren Musikern anfangs mit einem Leuchtstab den Weg weisen muss, weil es biblisch finster ist auf der Tiefe.

Auf dem Wasser aber schwebt der Geist des Dreimäderlhauses: Die Rheintöchter stecken unter der Decke ihres gemeinsamen (Fluss-)Bettes und verteidigen mit Kissenschlacht und Spritzpistolensalven ihren Schatz, der wirklich nichts weiter ist als Tand: eine Federboa und ein paar Hände voller Konfetti. Schon in der ersten Szene, die Regisseur Claus Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt als fröhlichen Vorabendspaß des Vorabends, als Urpolterabend aller folgenden Ehetragödien inszenieren, auf dem von Unheil niemand etwas ahnen will, werden die Vorzüge und, wenn man so will, auch die Schwächen dieser Rheingold-Interpretation deutlich.

Guth und Schmidt nehmen Wagner en détail beim gesungenen und vor allem beim tönenden Wort, ohne diesem ständig Sub- oder Metaebenen einzuziehen; en gros heißt das, dass ihr Ehrgeiz sichtlich nicht darauf geht, das Rad der "Ring"-Exegese neu zu erfinden. Sie nehmen die Geschichte einfach "als ob": als ob darüber alles gesagt, jeder Winkel ausgeleuchtet und jede Wendung ausgedeutet wäre; als ob jeder im Publikum genauso gut wüsste, wie man sie erzählen könnte; als ob sie vor allem anderen Illusionskunst sein müsste - Theater eben, das immer tut, als ob.

Wenn also Alberich (der glänzend singende Wolfgang Koch) zu Beginn als Kammerjäger den Grund des Rheins desinfiziert, dann will er natürlich den von zahllosen Deutungsaltlasten schwer kontaminierten Bühnenboden für einen neuen Versuch säubern. Und wenn der alte Trickser Loge (achtbar: Peter Gaillard) als routinierter Zauberkünstler da ein Patrönchen platzen und dort ein Röschen aus dem Ärmel wachsen lässt, dann geht es ihm kaum darum, der Schlauere zu sein. Es reicht ihm, "bella figura" zu machen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Und Wotan? Döst in Gestalt des souveränen Falk Struckmann auf dem Dachboden der Welt und träumt als klammer Bauherr vom Eigenheim in exklusiver Gipfellage. Und kann von Glück sagen, dass der im Heizungskeller hantierende Alberich so doof ist, sich die Geldkoffer abjagen zu lassen, mit denen die Halbwelt-Schwarzarbeiter für den Bau von Walhall entlohnt werden.

Dass Simone Young ihren Wagner sehr ernst, mit gehörigem Willen zum markanten Ausdruck nimmt, erhöht eher den Reiz dieser durchaus gelungenen Rheingold-Produktion. Hin und wieder ächzt sie noch unter den selbst gestellten Erwartungen. Aber es ist ja erst der Vorabend. (Oswald Demattia aus Hamburg, DER STANDARD/Printausgabe, 18.03.2008)