Alle haben es vorher gewusst: China ist ein Staat, in dem schwerste Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind - wenn sich auch die Situation im Vergleich zu den Mao-Jahren, als es Millionen an Toten gab, verbessert hat. Und: China betreibt tatsächlich so etwas wie einen "kulturellen Genozid" in Tibet, wie der Dalai Lama sagt.

Die kommunistischen Machthaber glauben, das Reich nur mit brutaler Repression zusammenhalten zu können. Und das bezieht sich nicht nur auf Nicht-Chinesen wie Tibeter und turkmenisch-stämmige Uiguren, sondern auch auf die Han-Chinesen. Die Erinnerung an die 20er-und 30er-Jahre, als China unter "Warlords" aufgeteilt war, ist noch lebendig.

Inzwischen ist aber die mit Rassismus angereicherte (auch durchaus moderate Chinesen sagen einem: "Die Tibeter sind so schmutzig") Repression einfach nicht mehr tragbar für ein Land, das eine konstruktive Rolle in der Welt spielen will. Der Dalai Lama hat ausdrücklich nicht zu einem Boykott der Olympischen Spiele aufgerufen. Er verlangt auch keine Unabhängigkeit, sondern nur eine echte Autonomie mit kultureller Freiheit. Aber das kann die kommunistische Führung nicht wagen. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2008)