Bagdad/Wien – In der irakischen Regierung scheint man sich nicht ganz einig zu sein: Während Premier Nuri al-Maliki stolz betonte, die Militäroperation, mit der die Kontrolle über die südirakische Stadt Basra wieder hergestellt werden soll, sei eine „rein irakische“, äußerte Außenminister Hoshyar Zebari seinen Zorn über die am Flughafen Basra verschanzten britischen Truppen: Sie „tun nichts“ und hätten ruhig zugeschaut, wie die Stadt nach ihrem Abzug im Dezember von Milizen überrannt wurde.

In Basra kämpfen die Banden gegeneinander und die irakischen Sicherheitskräfte gegen die Banden. Die Behauptung, „die Mahdi-Armee“ des Schiitenführers Muktada al-Sadr sei das einzige Problem, ist eine Vereinfachung: In Wahrheit ist die Sadristen-Szene gerade im Süden stark fragmentiert, und auch wenn sich zahlreiche Milizenführer auf ihn berufen, so übt Sadr – der selbst aus der Öffentlichkeit verschwunden ist – kaum mehr Kontrolle über diese Gruppen aus.

Der Erzfeind der Sadristen sind die Badr-Milizen (siehe auch die Reportage rechts): Sie wurden in den 1980er Jahren im Iran als bewaffneter Arm des „Supreme Council for Islamic Revolution in Iraq“ (SCIRI) aufgestellt und ausgebildet. Die Badr-Milizen, die als politische Organisation auch im Parlament sitzen, und die Mahdi-Armee kämpfen in etlichen südlichen Städten gegeneinander, wobei Badr – als Miliz einer schiitischen Mainstream-Partei – in den Sicherheitskräften verankert ist, während die Mahdi-Armee großen Zulauf aus der armen Bevölkerung hat.

Und so ist der Konflikt zwischen Mahdi-Armee und Supreme Council/Badr auch ein sozialer: Letztere als Erben des schiitischen religiösen Mittelstandes und des religiösen Establishments, gegen die um Muktada al-Sadr gesammelten verlorenen Generationen Saddam Husseins, des städtischen Proletariats. Im Bagdader Slum Sadr-City ist der Supreme Council chancenlos – ein Grund dafür, warum die Partei für eine eigene schiitische Region im Süden nach kurdischem Muster ist. Muktada al-Sadr, mit seiner Hausmacht in Bagdad, ist demgemäß anti-föderalistisch und irakisch-national.

Ihr Konflikt ist aber auch einer zwischen zwei großen traditionellen Kleriker-Familien, Sadr und Hakim. Wobei beide Familien im Moment ohne große theologische Führungsgestalt sind: Muhammad Baqir al-Hakim starb im August 2003 bei einem sunnitischen Anschlag; M. Muhammad Sadiq al-Sadr, Muktadas Vater, wurde von Saddam 1999 ermordet.

Basra ist aber noch Spielwiese für andere, etwa die Fadhila-Partei, auf nationaler Ebene bedeutungslos, in Basra den Gouverneur stellend. Auch sie hat eine Miliz. Trotz starkem islamistischem Anstrich (im Grunde ist sie eine Abspaltung der Sadristen) scheint sie außer der Kontrolle von legalem und illegalem Öl wenig Ehrgeiz zu haben. Ganz ähnlich schilderte ein Zeitungskommentator in Bagdad dieser Tage die Interessen der restlichen an die 40 Gruppen in Basra: „Sie wollen alle eine eigene Ölquelle, eine eigene Pipeline und einen eigenen Öltanker im Golf“, dann geben sie Ruhe.

Der Ausbruch der Machtkämpfe können auch im Vorfeld einer möglichen Regionenbildung im Süden, die die irakische Verfassung erlaubt, gesehen werden. In Bagdad findet parallel dazu ein politischer Kampf statt: Das vom Parlament angenommene Gesetz, das zur Vorbereitung von Provinzwahlen die Provinzinstitutionen genauer definiert, ist Vizepräsident Adel Abdul Mahdi vom Supreme Council zu zentralistisch, das heißt, es gibt den Provinzen zu wenig Macht.

Maliki, der selbst der schiitischen Dawa-Partei angehört, die in Basra nicht mehr viel Einfluss hat, versucht nun die Kontrolle der Zentralregierung wieder herzustellen, politisch in Bagdad und militärisch in Basra. Allerdings scheint der bewaffnete Konflikt im Moment eher auf Bagdad überzuschwappen: In Sadr-City kämpfen irakische Armee und US-Truppen gegen die Mahdi-Armee. Im Gegenzug werden andere Viertel Bagdads aus Sadr-City mit Raketen belegt, unter anderem auch die Grüne Zone, wo beim schlimmsten Angriff seit langem auch US-Botschaftsangehörige verletzt wurden. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 27.3.2008)