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Mit ihrer Bienenkorb-Frisur und den Cleopatra-Augen legte sich Amy Winehouse ein ikonisches Äußeres zurecht. "Sie erinnert mich an Brigitte Bardot in den späten 50ern und 60ern", sagt Karl Lagerfeld, der Winehouse eine Kollektion widmete.

Foto: APA/AP/Matt Dunham
Als jenes Album auf den Markt kam, von dem erst nach längerer Warmlaufphase Millionen Exemplare verkauft werden sollten, da sah Amy Winehouse noch aus wie eine überschminkte Vorstadtbraut. Die zerzausten schwarzen Haare umrahmten das markante Gesicht, die Ketten um ihren Hals hätten auch von ihrer Taufpatin sein können, der Körper war von Alkohol und Drogen noch nicht gezeichnet. Stilprägend war Winehouse zu dieser Zeit nicht. Es dauerte beinahe eineinhalb Jahre, bis "Back to Black", so der Titel des Albums, die Charts dominierte - und Designer wie Karl Lagerfeld oder John Galliano die 24-Jährige zu ihrer Muse erkoren.

In dieser Zeit ist viel passiert: Amy bricht nach einer Überdosis zusammen, Amy sitzt in Norwegen hinter Gittern, Amy und ihr Ehemann Blake Fielder-Civil geraten sich in die Haare, Amy sagt alle Auftritt ab. Wer immer in den vergangenen eineinhalb Jahren die Klatschspalten las, der kam um Amy Winehouse nicht herum. Mit Britney Spears und Pete Doherty bildet sie ein selbstzerstörerisches Trio, das mit seinen Eskapaden die Öffentlichkeit beschäftigt.

Protagonisten der wilden Bühnenwelt

Anders als Spears, aber ähnlich Doherty nutzte sie die von der Öffentlichkeit breitgetretenen Geschichten beim Aufstieg zu einer der derzeit prägendsten Figuren des Popbusiness. Ihre Schwächen machte sie zu ihrer Stärke. Wir alle wissen, wie das geht. Amy Winehouse' torkelnder Lebensstil als Neuinszenierung des wilden Rock 'n' Roll-Lebens vergangener Epochen. Mode ist dabei so wichtig wie der Sound, der coole Blick und die skandalösen Schlagzeilen. Die Protagonisten der wilden Bühnenwelt taugen von jeher als Vorbilder in Geschmacksfragen.

Das ist bei Amy Winehouse nicht anders: "Sie ist eine schöne, talentierte Künstlerin", sprach Lagerfeld bei der Präsentation seiner London-Kollektion: "Ich mag ihre Frisur. Sie inspiriert mich." Das war im Dezember. Als im Februar die Modeschauen in Mailand und Paris über die Bühne gingen, da zeigten die Designer von Dior bis Comme des Garçons Cleopatra-Augen, da trugen Models wilde Tattoos, und türmten sich die Frisuren. Der Beehive, also die Bienenkorb-Frisur, die Brigitte Bardot oder Maria Callas in den 60ern trugen, war wieder da - allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als damals.

Die Beehive-tragende Diva hatte sich zum Riot Girl gewandelt. Die mühsam, wie von Architektenhand aufgeschichtete Frisur wurde jetzt von einer Frau getragen, die den Anschein erweckt, sich keinen Deut um ihre Frisur zu scheren - und nicht mehr von jemandem, der alle seine Bewegungen kontrollieren muss (da die Frisur ansonsten verrutscht). Ein Ausdruck von Emanzipation war der Beehive nie - im Gegenteil. Er ist den Frisurenungetümen einer Marie Antoinette näher als dem Bob von Vidal Sassoon. Ende der Sechziger, als die Studenten rebellierten, geriet er schnell aus der Mode.

Junkie mit Diva-Frisur

Als sich Amy Winehouse nach dem Erscheinen von "Back to Black" einen Beehive zulegte, hätte man das als Paradoxon abtun können. Ein Junkie mit einer Diva-Frisur. Doch das Image war perfekt. Genauso wie sich Winehouse' Abstürze ins Gedächtnis einbrannten, verhielt es sich auch mit ihrem Äußeren. Das ikonische Äußere einer neuen Diva war geboren. Das hat Lagerfeld, der selbst am liebsten mit seinem Status als Ikone spielt, richtig erkannt. Bei der Modeschau im Dezember stylte er alle seine Models als Winehouse-Doubles.

Damit war Winehouse auch von der offiziellen Modewelt als Stil-ikone anerkannt. Wie schnell dieser Status in Brüche gehen kann, das zeigte sich einige Wochen später, als die Sängerin plötzlich mit blondierten Haaren über die Mattscheiben flimmerte. Sie war zur Gerichtsverhandlung ihres Mannes in neuem Styling (und in derangiertem Zustand) erschienen. An die Eskapaden der Sängerin hatte man sich gewöhnt, sie sind ein Teil ihrer Erfolgsgeschichte. Mit den modischen Verfehlungen verhält es sich anders. Sie werden nicht verziehen. Auch das ist Teil des neuen Starsystems. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/28/03/2008)