Bild nicht mehr verfügbar.

Verbotene Liebe in Sachsen: Die Geschwister Patrik und Susan haben vier gemeinsame Kinder, Patrik droht dafür eine Haftstrafe.

Foto: AP/Ideonc
Vor dem Montag hat Patrik S. gegraut. "Haftantritt" stand im Kalender, für 17 lange Monate hätte der junge Mann aus Sachsen hinter Gitter gemusst - wegen seiner Liebe zur eigenen Schwester. Doch nun sind er und die acht Jahre jüngere Susan erleichtert. Patrik ist zwar wegen Inzests verurteilt worden, die Haftstrafe wird von der Staatsanwaltschaft Leipzig aber so lange ausgesetzt, bis der sächsische Justizminister Geert Mackenroth (CDU) über Patriks Gnadengesuch entschieden hat.

Sollte Mackenroth das Gnadengesuch annehmen, dann kann Patrik bei seiner Familie bleiben. Denn er und seine Schwester Susan leben immer noch in einer gemeinsamen Wohnung. Sie trotzten allen Anfeindungen und Prozessen und verstehen bis heute nicht, warum sie keine Familie sein sollen und warum ihr Fall für so großes Aufsehen sorgt.

Getrennt aufgewachsen

Begonnen hat die "verbotene Liebe" im Jahr 2000, als sich Patrik und die geistig zurückgebliebene Susan kennenlernen. Die Geschwister sind nicht gemeinsam groß geworden. Weil ihn der Vater als Dreijährigen mit einem Messer bedroht hatte, war Patrik im Heim und bei Pflegeeltern aufgewachsen. Erst im Mai 2000 meldet sich seine leibliche Mutter bei ihm und erzählt ihm, dass er auch noch eine jüngere Schwester hat. Patrik zieht zu den beiden nach Leipzig. Er ist 24, Susan 16. Sie mögen einander, teilen sich das Zimmer zunächst so, wie man es von Geschwistern erwartet. Doch kurz vor Weihnachten stirbt die Mutter plötzlich, und die beiden rücken noch enger zusammen. Die Beziehung fliegt auf, als Susan schwanger wird. "Wir wussten, dass das irgendwie verboten ist, aber wir wussten nichts von so hohen Strafen", sagt Patrik.

Vier Kinder, von denen zwei behindert sind, zeugen die beiden, alle werden ihnen vom Jugendamt entzogen. Patrik wird angeklagt und verurteilt. Seine Schwester hingegen bleibt straffrei, weil die Richter psychische Abhängigkeit von Patrik und somit verminderte Schuldfähigkeit sehen. Mit der Hilfe ihres Anwalts Endrik Wilhelm ziehen sie bis vor das Bundesverfassungsgericht. "Dass sich die beiden lieben, daran besteht kein Zweifel. Auch ich musste Vorurteile abbauen. Das ist eine normale Beziehung", sagt ihr Anwalt.

Weiterhin strafbar

Doch das Höchstgericht sagte Nein zur außergewöhnlichen Beziehung und entscheidet: Inzest bleibt in Deutschland auch weiterhin strafbar, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung werde dadurch nicht verletzt. Der Staat sei außerdem mit dem Grundgesetz im Einklang, wenn er danach trachte, die Gefahr einer Erbschädigung für Kinder auszuschalten. Diese ist im Fall von Patrik und Susan ohnehin gebannt: Patrik hat sich mittlerweile sterilisieren lassen. (Birgit Baumann, DER STANDARD Printausgabe, 29./30.3.2008)