Eine Gegenposition zu den gedämpften Reaktionen zahlreicher Politiker und Kommentatoren auf die Unterdrückung tibetischer Freiheitsforderungen durch die große Wirtschaftsmacht China

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Wie viel Leid muss ein Volk erdulden, wie viel Anteilnahme und Mitleid muss es ernten, bis die Außenwelt sich seiner erbarmt und zu helfen gedenkt? Diese Frage stellen sich die Menschen aus Tibet seit nun 60 Jahren.

Ginge es um Öl, stünden die USA gleich vor ihrer Türe, und wären sie Großkunde Deutschlands, nähme sich der Außenminister persönlich ihrer an. Doch Tibet ist in den Augen der Welt ein unbedeutendes und verschlafenes Land, irgendwo im Himalaya. Daran ändert auch nichts, dass sein geistig-politisches Oberhaupt, ein buddhistischer Mönch, mehrmals im Jahr um den Globus reist und auf das Schicksal und den Hilferuf seiner Leute aufmerksam macht.

Außer kleinen Protestaktionen und Mitleid hat er bislang keine Gegenreaktion ausgelöst. China kann mit Tibet nach Belieben verfahren - der Westen hält sich raus. Zu wichtig ist seine wirtschaftliche Bedeutung, als dass irgendeine Nation sich traut, etwas zu sagen. So wagt es die Großmacht sogar, Regierungen in aller Welt formell zu warnen, den Dalai Lama zu empfangen, andernfalls stünden die Beziehungen auf dem Spiel. Ihre Handelspartner bekommen das Fürchten und unterstreichen in offiziellen Mitteilungen, dass man den harmlosen Mönch niemals amtlich eingeladen habe; und sollte er denn leider Gottes tatsächlich angereist kommen, sei dies sein privates Vergnügen - niemals eine politische Angelegenheit. Führende Politiker, allen voraus Deutschlands, wagen es nicht, sich mit dem harmlosen Mann zu treffen. Zu groß ist die Angst, dadurch einen wichtigen Auftrag aus China aufs Spiel zu setzen, wie z. B. der Bau der Transrapid-Strecke in Schanghai, ausgeführt von Siemens.

Wie tief kann die Moral eines Landes noch sinken?

Angela Merkel hielt kürzlich vor dem israelischen Parlament eine historische Rede, die selbst Holocaust-Überlebende ins Staunen versetzt hätte: "(...) es ist unsere historische Verantwortung dafür zu sorgen, dass Ausländerfeindlichkeit, Völkermord und Antisemitismus nie wieder Fuß fassen!" Es folgte großer Beifall.

Eine Woche später lehnte sie ein Gespräch mit dem Dalai Lama ab, und verkündete, dass Deutschland an den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen wird. Und das, obwohl selbst Spitzensportler laut Spiegel einen Boykott ernsthaft in Erwägung ziehen. Welches Spiel wird hier eigentlich gespielt?

Die Standardantwort, bzw. -ausrede, seitens des Internationalen Olympischen Komitees und einiger Regierungen lautet, dass man halt Sport von Politik trennen muss. Doch geht es hier überhaupt um Politik? Ist es nicht vielmehr eine Frage der Menschenwürde, der Verabscheuung von Völkermord und Folter bzw. eine Auflehnung gegen die Verletzung der Menschenrechte?

Umso mehr wünsche ich mir, dass Österreich etwas mehr Rückgrat hat. Es ist ja nicht die Fläche, die ein Land groß macht, sondern die menschliche Größe seiner Bewohner und die daraus entstehende Bereicherung für den Rest der Welt. Österreich ist, gar nicht mal so verschieden von Tibet, ein traditionsreiches Land, das die Natur liebt und schätzt und das viele Künstler und fromme Menschen hervorbrachte. Keinesfalls sollte die militärische oder wirtschaftliche Größe ein Kriterium sein, wenn es um die Verteidigung von Frieden, Menschenwürde und Basisrechte geht.

Wer in Deutschland einen in Not geratenen Menschen erkennt (z. B. einen Autounfall) und sich dann auf und davon macht, muss mit Anzeige und Bestrafung wegen "unterlassener Hilfeleistung" rechnen, was in Österreich sicherlich nicht anders ist. Doch wer bestraft Staaten, die einem anderen notleidenden Volk einfach den Rücken kehren? Denn der Hilferuf Tibets ist unüberhörbar laut - seit nun schon mehr als 60 Jahren. Zehntausende wurden enteignet, eingesperrt, gefoltert, zwangssterilisiert, vergewaltigt, ermordet und ihrer Rechte beraubt. Ein klarer Fall von Genozid.

Dabei sind Tibeter friedliche Buddhisten, die an Wiedergeburt und Karma glauben und keiner Fliege etwas zuleide tun - allen voran der Dalai Lama. Doch gerade die Mönche hat man vor wenigen Wochen zu Krüppeln geschlagen, nur weil sie friedlich in den Straßen von Lhasa demonstrierten. Gleichzeitig bereiten die "zivilisierten" Länder sich auf Olympia vor, ohne dass China Konsequenzen zu fürchten hat. Unfassbar!

Dabei haben doch gerade die olympischen Spiele den Symbolcharakter von Völkerverständigung und -vereinigung, Gleichheit, Internationalität und Fairness. Doch wer glaubt, dass es der kommunistischen Partei um derlei Werte geht, der träumt. Es geht hier um ein Spektakel, welches China zu Ehre, Ansehen und Aufschwung verhelfen soll.

Ist dieser wirtschaftliche Vorteil, falls er einer ist, denn wirklich so wichtig, um dafür die Ausradierung eines ganzen Volkes abzusegnen?

Denn dies tun wir automatisch, wenn wir passiv oder aktiv an den Olympischen Spielen in China teilnehmen.

Das einzige Land, das die Lage richtig erkannte und danach handelte, ist Frankreich, das nun einen Boykott erwägt. Nicolas Sarkozy scheint es ums Prinzip zu gehen. Er pfeift auf eventuelle wirtschaftliche Einbußen. Die Franzosen haben mutig den ersten Schritt gemacht. Nun diesem zu folgen ist leicht.

Ich hoffe daher sehr, dass "kleine" Länder wie Österreich wahre Größe zeigen und zumindest das Thema heiß diskutieren werden bzw. einen Boykott in Erwägung ziehen. Und dann würden weitere Länder sicher folgen. Gleichzeitig wäre diese Einstellung eine Botschaft an alle Nationen, die sich zukünftig als Olympia-Gastgeberland bewerben: Wer Menschenrechte mit Füßen tritt und auf die geistigen Werte der Olympischen Spiele spuckt, geht leer aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.4.2008)