Nicht nur mehr Demokratie wollten die Reform-68er. „Die Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie“ war eine ihrer Forderungen. Sie ließ sich nicht verwirklichen, weil es Bereiche gibt, die gar nicht demokratisierbar sind. Die Kunst zum Beispiel, die Religionen.

In den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand im Zeichen des neoliberalen Pragmatismus die Formel der Durchflutung aller Lebensbereiche mit Ökonomie. Alles müsse sich rechnen. Vor allem auch die Wissenschaften, wodurch viele ihrer Zweige unter das Diktat der Industrie gerieten. Was sich nicht von vornherein auszuzahlen schien, konnte nicht erforscht werden.

Viele Spitzenmanager sind heute klüger. Weil sie draufgekommen sind, dass Themen und Probleme plötzlich hochkochen, für deren Bearbeitung und Lösung es keine wissenschaftlichen Arbeiten gibt. Deshalb wird wieder Grundlagenforschung forciert. In den Gehirnen jener Politiker und Wirtschafter, die Universitäten als Unternehmen sehen, hat dieses Umdenken noch nicht stattgefunden. Daher der Trend zur Verschulung der Universitäten, zum ganz schnellen Studium, zur Negierung der philosophischen Reflexion. Konrad Paul Liessmann hat das in seinem Buch „Die Theorie der Unbildung“ näher beschrieben. Was herauskommt, sind Diplom-Akademiker, die über ein auf die Matura draufgesetztes Spezialwissen verfügen, denen aber der Anspruch einer „universitas“ gar nie in den Sinn gekommen ist. Die Spitzenpolitik und die Industrie haben sich bei den Eltern und den Studenten mit dem Slogan „Nur wer schnell fertig wird, ist wirklich gut“, durchgesetzt. Kultur ja, aber als Dekoration.

Das Modell des maßgeschneiderten Studenten von der Stange, der geistig zur Magersucht neigenden Studentin mit den Fach-Klamotten aus der Mariahilferstraße funktioniert ideal für eine produktorientierte Wirtschaft.

Natürlich soll diese Jugend kritisch sein. Aber nur zwecks Produktverbesserung. Natürlich sollen diese Teenies kreativ sein. Beim Kaufgespräch mit den Kunden und beim Verpacken. Die moderne Hochschulpolitik zwingt die Studierenden in ein Korsett der Spezialisierung und des Abhakens, weil die meisten ihrer Propagandisten instinktiv begriffen haben, welchen Nutzen das hat. Weniger selbständiges Denken, weniger bis gar keine oppositionelle Power. Diese Studenten sind zum Unterschied von den 68ern keine Gefahr für die Mächtigen mehr.

Diese Generation hat auch keinen selbstverständlichen Anspruch auf einen Berufseinstieg mehr. Selbst exzellente Absolventen müssen, wenn sie aus keinem Trend-Fach stammen, um einen Job raufen. Weshalb ihnen ein politisches Engagement auch schnurz ist. Sie müssen schauen, wie sie zu Geld kommen, oft bereits für eine junge Familie. Dann können sie auf ihre 68er-Eltern pfeifen, die ihnen nach Meinung der konservativen „Presse“ zu viel Freiheit und zu wenig „Law and Order“ mitgegeben haben. Solche Schlawiner. Kurz vor 68 haben deutsche Soziologen und Pädagogen noch die Wurstigkeit der jungen Uni-Bevölkerung beklagt, die zu viel Geld bekäme (von den Familien, die damals noch nicht „zerschlagen“ waren) und nur noch an Autos und Urlaub dächte. Dann der plötzliche Flächenbrand. Vielleicht lässt sich die politisch entmündigte studentische Jugend noch lange an der Leine halten. Ein Ausbruch aber wäre erklärbar. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2008)