Design-Doyen Alexander von Vegesack auf einem Thonet-Schaukelstuhl, den ihm Billy Wilder schenkte.

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"Think Big" passt zu Alexander von Vegesack. Er ist mit seinen 1,96 Metern ein Hüne, der im Großen denkt, aber auch das Kleine, etwa die Vitra-Miniaturmodelle von Ron Arad, zu schätzen weiß. Er ist Eklektiker, und als Sammler kennt er keine Grenzen. Das aufregende Kaleidoskop seiner Sammlung, die in Turin unter dem Titel "Adventure with objects" präsentiert wird, ist von den Themen Sesshaftigkeit und Nomadentum geprägt. Die passenden Objekte dazu: Stühle und Sättel.

Zu Ersteren, vornehmlich den Thonetstühlen, die schon vor langer Zeit sein Steckenpferd werden sollten, fand der Baron mehr oder minder zufällig: "Als ich Anfang der 70er-Jahre mit Freunden in Hamburg in einer ehemaligen Getriebefabrik wohnte, brauchten wir für unser Theater (gemeint ist die von ihm gegründete Avantgardegruppe "Fucktory") und das Restaurant Stühle. Da die Fabrik aus vorgefertigten Gusselementen konstruiert war und ich Thonetmöbel, die auf dem gleichen Bausystem basierten, von den Flohmärkten her kannte, kaufte ich die verschiedensten Modelle, die erhältlich waren. Danach begann ich mich für die Geschichte dieser Möbel zu interessieren." Mit Erfolg, wie Thonet Liebhaber bestätigen, denn Alexander von Vegesack ist später die große New Yorker Ausstellung "150 Jahre Thonet Möbel" (1980) und das erste öffentliche Thonet Museum in Boppard am Rhein zu verdanken.

Intensive Suche

Auf Sättel kam Vegesack Mitte der 70er-Jahre, als er in Andalusien Pferde züchtete und abenteuerliche Ritte, unter anderem über den Hohen Atlas in Begleitung der marokkanische Prinzessin Lala Amina unternahm. Doch auch hoch zu Ross ging er seiner Leidenschaft der Bugholzmöbel nach und wurde fündig: "Bei meinen Ritten durch die Berge Andalusiens fand ich in den Posadas, den historischen Reiterherbergen, viele der ersten Thonetmodelle. Ich kaufte sie, nahm sie auseinander und befestigte sie in alten Hafersäcken hinter meinem Sattel. Danach intensivierte ich die Suche nach diesen Modellen in Andalusien, restaurierte die Stücke und reiste u. a. in die Tschechoslowakei und Polen, um in den ehemaligen Thonetfabriken nach Produktkatalogen, Fotos und Biegeformen zu suchen."

Für von Vegesack gehören Nomadentum und Sesshaftigkeit zusammen, er ist ein unermüdlicher Reisender, der die Orte, ihre Geschichte anhand von Objekten dingfest macht. Als Arbeitsinstrument sieht Alexander von Vegesack seine Sammlung, als ein Feld der Vermittlung, das er räumlich betrachtet Mitte der 90er-Jahre auf 150 Hektar ausweitete: Er erwarb die Domaine de Boisbuchet, ein altes Schloss mit Park, Zedernwald und landwirtschaftlichem Betrieb in Südfrankreich, um hier ein internationales Workshop-Zentrum ins Leben zu rufen. Jährlich reisen circa 400 Studenten nach Boisbuchet, wo internationale Designer, Architekten und Künstler (darunter Tom Dixon, Borek Sipek, Humberto Campana) Gestaltungsunterricht geben, kreative Prozesse anregen und ihre materielle Durchführung leiten.

Baron von Münchhausen

Der Weg zur Oase der kreativen Gestaltungsgemeinschaft war ein abenteuerlicher, und Alexander von Vegesack macht seiner Herkunft - sein Stiefvater war ein Sohn des visionären Baron von Münchhausen - alle Ehre. Von Vegesack kam 1945 in Jena in Thüringen auf die Welt. Die Familie floh in den Westen und ließ sich zunächst in Düsseldorf, später in Hamburg nieder. Als 13-Jähriger verlor Alexander bei einem Unfall das linke Auge, als 16-Jähriger reiste er nach Kairo und kaufte auf einem Bazar den Grundstein seiner Sammlung: eine gigantische türkische Kaffeekanne, ottomanische Degen und einen Lederpuff.

Wenige Jahre später pendelte er zwischen Frankreich und Norddeutschland hin und her, verkaufte im Hamburger Nobel-Viertel Pöseldorf, in seiner ersten Galerie "Vanity", Second-Hand-Kleider und exportierte das begehrte Porsche Modell 911 nach Frankreich. Sein Design-Interesse weitete sich von Thonetmöbeln - ein beträchtlicher Teil seiner Bugholzkollektion befindet sich heute im Wiener MAK - auf Stahlrohrmobiliar und vieles andere aus. Zum nomadischen Aspekt der Sättel (Westernsättel, Dromedarsättel, Zaumzeug und Kutschen) bilden die in der Schau ausgestellten Schemel und Klappstühle einen Übergang mit einfachen, namenlosen Produkten wie dem gabelförmigen Holzklappstuhl von 1820 und Highlights von Jean Prouvé.

Rückbesinnung, Revival und Retro

Alexander von Vegesack, Mitbegründer und Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, hat zu jedem Teil eine besondere Beziehung, kein Objekt, so sagt er, kann er als Lieblingsobjekt bezeichnen. Es geht ihm nicht darum, einzelne Stücke zu besitzen, wichtig ist für ihn ihre Geschichte, etwa die, die sich hinter dem Thonet Schaukelstuhl verbirgt, auf dem Alexander von Vegesack 1981 am Strand von Moliets schaukelt. Der Stuhl ist ein Geschenk von Billy Wilder. Begonnen hat die Freundschaft zum Regisseur äußerst ungewöhnlich. Von Vegesack rief seinerzeit bei Wilder an und wollte sich nach den Erben erkundigen, da er in der Zeitung vom Tod des Regisseurs gelesen hatte. Dieser war ihm auch als Design-Sammler bekannt gewesen. Wilder war selbst am Apparat und lud von Vegesack ein, sich persönlich von seiner Leibhaftigkeit zu überzeugen.

Die Sammlung von Alexander von Vegesack ist ein exemplarisches Bilderbuch des Designs des 20. Jahrhunderts. Die Frage, ob Rückbesinnung, Revival und Retro heute Anzeichen einer Krise sind, beantwortet Alexander von Vegesack mit einem überzeugten Nein. "Es ist ein Zyklus, ein Nachempfinden von Formen aus einer aktuellen Sicht, aus der wieder etwas Neues entsteht." Neue Impulse kommen seiner Meinung nach vor allem aus Asien, aus Japan und Taiwan, und in näherer Zukunft dürfte sich auch das große Potenzial von Korea und China entfalten.

Expansionsmöglichkeiten sieht er natürlich auch in der eigenen Domaine. Boisbuchet wird gemeinsam mit der Region einen Pilotpark zum Thema alternative Energieversorgungen realisieren. In Mexiko und in Marokko entstehen derzeit Schulen nach dem Boisbuchet-Modell, und die Zusammenarbeit mit inländischen und ausländischen Initiativen erfreut sich immer mehr der tatkräftigen Unterstützung von Firmen, die ihre Mitarbeiter zur Motivation und Recherchearbeit in den Schlosspark des Designbarons schicken. (Eva Clausen/Der Standard/rondo/11/04/2008)