Den Vorwurf, ORF 1 zeige zu wenig Information und Eigenproduktionen, will ORF-Chef Alexander Wrabetz nicht auf sich sitzen lassen. Der am Donnerstag veröffentlichten Programmanalyse der Rundfunkregulierungsbehörde RTR hält er entgegen, "dass ORF 1 und ORF 2 komplementär programmiert und als ein Programm auf zwei Kanälen zu beurteilen sind". Studienautor Jens Woelke wie auch ATV-Senderchef Ludwig Bauer sehen das anders: Das Motto zwei Sender, ein Programm funktioniere auf Grund der Zielgruppenausrichtung nicht mehr, sagten sie bei einer Veranstaltung der RTR.

Österreichische Programme sprechen nach wie vor einige Altersgruppen wesentlich stärker an, als andere, resümiert Woelke. Der marktanteilsstärkste Sender ORF 2 erreiche in den jüngeren Altersgruppen von zwölf bis 49 nur halb so viele Zuschauer wie ORF 1 und nur dreimal so viele Zuschauer wie ATV. Die Tatsache, dass ORF 2 ein umfangreiches Informationsprogramm - vor allem bei politisch kontroversen Themen - bietet, habe kaum Relevanz für die Meinungsbildung der jüngeren Altersgruppen, so der Kommunikationswissenschafter.

Auch Bauer meint: "Das Konzept einer komplementären Betrachtung von ORF 1 und ORF 2 geht nicht mehr auf." Der ORF biete viel Information für ältere Zuseher, aber sehr wenig für jüngere. "ORF 1 ist privater als andere private Sender, wie RTL", so der ATV-Chef. Der ORF hinterfragte hingegen in einer Aussendung die Methodik der Studie und hält die getrennte Betrachtung der beiden TV-Sender für nicht zulässig.

Der ORF freute sich indes über die Feststellung, dass ORF 2 in der Primetime mehr Berichterstattung über politische und kontroverse Themen liefert, als jedes andere öffentlich-rechtliche Programm. "Dieser Befund ist besonders erfreulich, als in der Vorgänger-Studie 2006 noch vermutet wurde, die Nachrichtenberichterstattung des ORF sei zu wenig politikkritisch." ATV hinkt dem ORF im Bereich der "harten" Infosendungen deutlich hinterher, Woelke forderte den Privatsender auf, sich auf dem Gebiet "mehr zu trauen".

RTR-Chef Alfred Grinschgl bedauerte den allgemein erkennbaren Trend zu mehr Unterhaltung im Fernsehen. Die Boulevardisierung der Medienlandschaft greife nicht nur im Printbereich, sondern auch im TV um sich, so Grinschgl. (APA)