Abbassian rechnet mit einem weiteren Anstieg der Preise.

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Afrikanische Länder zahlen heuer viermal mehr für Importe als 2000, sagt er Andreas Schnauder.

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STANDARD: Worin sehen Sie die Hauptursachen für den Anstieg der Nahrungsmittelpreise?

Abbassian: Wir haben sehr hohe Preise für fast alle Rohstoffe. Es fing mit Mais an, wurde dann ein Problem bei Weizen, Sojabohnen, und nun ist sicherlich Reis das große Thema. Gründe sind die Produktionsausfälle in großen Exportländern wie Australien, der EU und der Ukraine. Wir haben eine Angebotskrise. Das kam zur Zeit, als die weltweiten Lagerbestände ohnehin schon dezimiert waren. Die Kombination aus beidem in Verbindung mit steigender Nachfrage für Nahrungsmittel und Saaten sowie mit der industriellen Verwertung der Rohstoffe für Biosprit haben den starken Preisanstieg verursacht.

STANDARD: Wie werden sich die Ausfuhrbeschränkungen, die nun von zahlreichen Exportstaaten ergriffen werden, auswirken?

Abbassian: Vor allem die Reisproduzenten erwarten weitere Preisanstiege in ihren Ländern. Von Kambodscha über Vietnam, Ägypten bis Indien werden deshalb verschiedenste Formen von Restriktionen ergriffen. Das sind entweder Ausfuhrquoten oder komplette Exportstopps. Bei Weizen haben wir das letztes Jahr schon erlebt, als Russland, China und die Ukraine ähnliche Maßnahmen ergriffen haben. Das ruft freilich weitere schlimme Preisreaktionen hervor, weil dadurch das Angebot verknappt wird. Ohne Restriktionen würde die Verknappung sicher nicht so lange andauern, weil die Ungleichheiten am Markt schneller ausgeglichen würden.

STANDARD: Wie kann man der Krise Herr werden?

Abbassian: Wir beschäftigen uns mehr mit der Frage, wie die betroffenen, armen Länder besser mit der Situation fertigwerden können. Einerseits geht es da um finanzielle Hilfe, um den Import der Nahrungsmittel zu gewährleisten. Andererseits um die Erhöhung der lokalen Produktion in der Landwirtschaft und somit des Einkommens. Da geht es um Zugang zu Dünger, Saaten, Training usw. Das wird kurzfristig aber nicht greifen.

STANDARD: Warum so spät?

Abbassian: Wir warnen die Welt nun seit zwei Jahren vor dieser Entwicklung, aber lange Zeit hat uns niemand zugehört. Jetzt spricht jeder darüber. Lösungen können nur langfristig sein. Die finanzielle Situation, die viele Importländer tangiert, muss auch von den internationalen Organisationen angegangen werden. Die Rechnung der Dritten Welt für die Einfuhr von Lebensmitteln wird heuer um 70 Prozent steigen und wird allein für Getreide 18 Milliarden Dollar ausmachen. Das ist das Vierfache im Vergleich zum Jahr 2000.

STANDARD: Werden die Revolten zunehmen?

Abbassian: Es schaut danach aus, aber jedes Land hat seine eigene kleine Geschichte dahinter. Oft sind schlechte Löhne, Arbeitslosigkeit oder andere Schwierigkeiten das Problem. Es kann deshalb keine einheitliche Lösung für alle Länder geben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.4.2008)