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Besonders hart trifft die Nahrungsmittelkrise Afrikas Landbevölkerung.

Foto: Reuters
Es waren die größten Proteste, die der Sahelstaat Burkina Faso seit langem gesehen hat. Zehntausende gingen Ende Februar in den größten Städten des ehemaligen Obervolta auf die Straße, steckten Reifen in Brand, errichteten Straßensperren und lieferten sich Gefechte mit der Polizei. Fast 300 Demonstranten wurden verhaftet. Dabei hatten die meiste einfachen Männer und Frauen nichts anderes gefordert, als die Lebensmittelpreise zu senken. "Wir haben keine Wahl: Entweder wir demonstrieren oder wir verhungern", rief einer der Demonstranten. "Unsere Stimmen müssen endlich gehört werden", so ein anderer.

Aufstände

Proteste wie diese häufen sich derzeit überall in Afrika: In Kamerun kamen Ende Februar mindestens 17 Menschen bei Aufständen gegen die gestiegenen Benzinpreise ums Leben. In der Elfenbeinküste strich Präsident Laurent Gbagbo Anfang April Einfuhrzölle und senkte Steuern auf Grundnahrungsmittel, nachdem bei Demonstrationen in der größten Stadt des Landes, Abidjan, die Polizei Tränengas eingesetzt hatte, um die Menge zu zerstreuen. Doch zeitgleich warnte Gbagbo: "Steigende Lebensmittelpreise sind ein globales Problem, diese Maßnahmen allein werden es nicht lösen."

Grundnahrungsmittel sind derzeit in Afrika so teuer wie nie zuvor. Die Preise für Weizen, Mais, Zucker oder Pflanzenöl haben sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt, sagt die Direktorin des Welternährungsprogramms, Josette Sheeran. "Der Hunger bekommt ein neues Gesicht. Selbst dort, wo die Ladenregale voll sind, hungern Menschen, weil sie sich die Waren nicht mehr leisten können."

Die steigenden Preise treffen die Ärmsten ins Mark: Eine Portion Mais- oder Getreidebrei ist oft das Einzige, was sie sich am Tag leisten können. Wenn auch das wegfällt, haben sie gar nichts mehr. Besonders kritisch ist die Lage auf dem Land, wo die Menschen sich selbst versorgen müssen. Im Fall einer Missernte konnten sich die Bewohner bisher auf Nahrungsmittelhilfe durch die UN verlassen. Doch auch die ist gefährdet, so Sheeran. "Wir machen uns ernsthafte Sorgen um unsere Operationen." Denn die global gestiegene Nachfrage nach Lebensmitteln hat erstmals seit Jahrzehnten die Preise so weit steigen lassen, dass Güter knapp werden. Hilfsorganisationen können sich die Hilfe oft schlicht nicht mehr leisten.

Weniger Fläche für Lebensmittelanbau

Die Gründe für die gestiegenen Preise sind vielfältig: Vor allem in China und Indien wächst die Nachfrage nach Lebensmitteln und Fleisch, dessen Produktion im Verhältnis zu Gemüse oder Getreide mehr Fläche verbraucht. In traditionellen Weizenexport-Nationen wie den USA und Kanada spielt die gestiegene Nachfrage nach Biokraftstoffen eine Rolle - es gibt weniger Fläche für den Lebensmittelanbau. In Afrika selbst haben Landflucht und Bevölkerungszunahme das Verhältnis von Produktion zu Verbrauch verschlechtert. Im Sahelgürtel kommt die Ausbreitung der Wüsten hinzu, überall in Afrika verschlechtert zudem der Klimawandel die Bedingungen für Kleinbauern.

Dass sich die Wut in so vielen afrikanischen Staaten auf die Regierungen konzentriert, hat zusätzliche Gründe. Bis heute werden viele Grundnahrungsmittel und Benzin staatlich subventioniert. Politikversagen, Korruption und Inflation sorgen dafür, dass bestimmte Waren nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind. Während die Bevölkerung in der Folge hungert, lassen die Regierungsvertreter es sich meist gut gehen. "Was sollen die Leute denn anderes tun, als gewalttätig zu werden", fragt Kameruns Oppositionsführer John Fru Ndi. Er sieht in den kommenden Monaten weitere Proteste auf Afrikas Staaten zukommen. (Marc Engelhardt aus Nairobi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.4.2008)