Hunger ist aus dem Bewusstsein der reichen Welt verschwunden. Fernsehbilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen schockieren Zuschauer nicht mehr. Umfragen zeigen, dass die Industrieländer glauben, die größten Probleme seien Terrorismus und Klimawandel. Doch wird die Unterernährung von Müttern und ihren Kindern heuer 3,5 Millionen Menschenleben fordern. Die Nahrungsmittelvorräte befinden sich auf einem historischen Tiefstand. In Westafrika, Südasien und in der Karibik sind Kämpfe um Nahrungsmittel entbrannt. Die Fortschritte hinsichtlich des Ziels der Vereinten Nationen, die Anzahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, sind bedrückend gering. Am meisten leidet die eine Milliarde Menschen, die von einem Dollar oder weniger pro Tag überleben.

Individuelle Tragödien und das Elend eines Landes gehen Hand in Hand. Verkürzte Leben bedeuten geringere Einkommen. Durch Hunger sind Menschen anfälliger für Krankheiten, was höhere Gesundheitsausgaben erfordert. Diejenigen, die die Auswirkungen der Unterernährung überleben, sind weniger produktiv. Wegen körperlicher und geistiger Beeinträchtigung haben Kinder weniger von ihrer Schulbildung.

Eine Untersuchung des Instituts Copenhagen Consensus zeigt, dass ein guter Ansatz wäre, mehr Geld für Mikronährstoffe bereitzustellen, die in der Ernährung armer Menschen fehlen. Die reichen Nationen haben etwa den Kropf - das Anschwellen der Schilddrüse - so gut wie ausgemerzt, indem sie Jodsalz einsetzen, eine Vorsorgemaßnahme, die in 30 Prozent der Haushalte in Entwicklungsländern fehlt, jährlich jedoch nur 0,05 Dollar pro Person kostet. Vitamin-A-Kapseln, die dazu beitragen, Probleme mit dem Sehvermögen und dem Immunsystem zu verhindern, kosten gerade einmal weitere 0,20 Dollar. Eisenmangel, eines der wichtigsten Mikronährstoff-Probleme, verursacht Anämie, wodurch die Menschen schwächer werden. Die Flour Fortification Initiative, eine Initiative zur Anreicherung von Mehl, hat sich das Ziel gesetzt, 70 Prozent des Weizenmehls bis Ende 2008 mit Eisen und Folsäure zu versetzen. Jährliche Kosten? 0,10 Dollar pro Person.

Die Ausweitung dieser Programme - und die Zugabe von Folat- und Zinkzusätzen -, um eine Versorgung von 80 Prozent der Bevölkerung in Südasien und Afrika südlich der Sahara zu gewährleisten, würde etwa 347 Millionen Dollar pro Jahr kosten, es würde jedoch einen massiven Gewinn von fünf Milliarden Dollar durch höhere zukünftige Löhne und geringere Gesundheitsausgaben bringen. Es gibt andere Möglichkeiten, schnell und kostengünstig etwas zu verändern. Darmparasiten rauben Eisen aus dem Darm des Befallenen und verursachen so Krankheiten und geistige Unterentwicklung. Das Behandlungsprogramm an kenianischen Schulen war so erfolgreich, dass mehr Lehrer eingestellt werden mussten, da sich die Schulen füllten. Auch die Behandlung von kleineren Kindern hat Vorteile. Wurmkuren für Kinder im Vorschulalter würden die Vorteile der motorischen und sprachlichen Entwicklung sichern - bei jährlichen Kosten von 0,50 Dollar pro Kind. Würde man 53 Millionen Kinder in Asien und Afrika erreichen, so wäre der wirtschaftliche Nutzen sechsmal so hoch wie die erstaunlich niedrigen jährlichen Kosten von 26,5 Millionen Dollar.

Eine der wichtigsten Gelegenheiten zur Aufklärung über die Ernährung bietet sich während der Schwangerschaft. Die Essgewohnheiten der Mutter, Stillen sowie Abstillpraktiken sind für das Wohlergehen des Kindes wichtig. Programme zur Stillförderung können in armen Gemeinden, in denen Mütter in der Landwirtschaft beschäftigt sind oder ein hohes Arbeitspensum haben, schwierig sein. Doch kann die Stillförderung zum Zeitpunkt der Entbindung wirkungsvoll sein. Das Wiegen der zukünftigen Mutter sowie das Wiegen und Messen des Babys sind wichtige Hilfsmittel, in deren Rahmen pädagogische Botschaften vermittelt werden können. Zudem können die Aufklärungsveranstaltungen auch dazu genutzt werden, Nahrungsmittelergänzungen und Wurmkuren bereitzustellen. Aufklärungskampagnen, die von Freiwilligen verwaltet würden und 80 Prozent Südasiens und der Länder südlich der Sahara abdeckten, würden pro Jahr 798 Millionen Dollar kosten. Der Nutzen: zehn Milliarden Dollar.

In einer Welt mit vielen Herausforderungen und zu wenig Geld müssen wir schwierige Entscheidungen treffen. Wir können nicht alles schaffen. Doch sollte der Kampf gegen den Hunger auf kosteneffektive Weise weltweit vorrangig sein. Während die Armen der Welt über Stillen und Ernährung unterrichtet werden müssen, brauchen die reichen Länder eine andere Art der Aufklärung. Wir müssen den Menschen deutlich machen, dass der Hunger ein massives globales Problem bleibt, dessen Bekämpfung unsere moralische Verantwortung ist. Gegen eine kleine Investition könnte er bald ein Problem von gestern sein. (© Project Syndicate, 2008. Übersetzung: Anke Püttmann; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.4.2008)