Es gibt ja bekanntlich Mythen im Selbstverständnis eines Landes, die im Laufe der Zeit in Abstand zur Wirklichkeit geraten. Ein solcher Mythos etwa besagt, dass Österreich ein "katholisches Land" ist. Die nackte Wahrheit zeigt sich heute in leeren Kirchen und Menschen wie Ewald Stadler.

Laut einer landesweiten Umfrage, die anlässlich des jüngsten Papstbesuchs gemacht wurde, gehen gerade noch vier Prozent der Österreicher unter 50 "regelmäßig in die Kirche". Dass "Gott die Erde in sechs Tagen erschuf", glauben selbst unter den sich als Katholiken bezeichnenden Österreichern nur noch neun Prozent. In etwa so viele glauben übrigens auch an UFOS und Hexen, je acht Prozent nämlich.

Besonders nackt zeigt sich die Wahrheit ja der Wiener Hauptschullehrerin. "Wer von euch will sich nicht vom Religionsunterricht abmelden?", pflegen inzwischen die Klassenvorstände zu Schulbeginn zu fragen. Wenn sie denn überhaupt noch fragen: Die meisten teilen die vorgeschriebenen Abmeldungsformulare flächendeckend aus - und fragen, wenn sie diese am nächsten Tag nicht in voller Klassenstärke unterschrieben wieder zurückbekommen haben, verwundert drei Mal nach.

In meine Schule gehen rund 250 Kinder. Davon in römisch-katholisch: einunddreißig. Evangelisch gibt es gar nicht mehr. Nur zum Vergleich: Für den Islamunterricht sind immerhin 55 Kinder angemeldet, und das, obwohl der Islam-Lehrer eine Frau ist.

Als ich noch zur Schule ging, war das so: Jeder war katholisch, und die zwei anderen waren evangelisch. Das war vor nicht einmal 30 Jahren. Deutlicher kann man den Untergang eines Imperiums eh nicht sichtbar machen.

Natürlich hat das (auch!) etwas mit dem Religionsunterricht zu tun.

- Debi, warum gehst du in Reli?

- Weil meine Mutter will, ich will eh nicht! (Debi ist Polin)

- Ivan, warum gehst du?

- Weil ich muss; mein Vater sagt, man kann sonst nicht heiraten. (Ivan ist Kroate)

- Michi, warum gehst du?

- Wegen der Firmung.

- Soso, du willst gefirmt werden ...

- Ja, dann krieg ich eine Videokamera. (Michi ist aus dem Waldviertel)

- Und was macht ihr in Reli, Ivan?

- Kartenspielen.

- Kartenspielen?

- Ja. Amen.

- Amen?

- Das ist wie Uno. Nur sagt man bei der letzten Karte nicht Uno, sondern Amen. Hartes Los ...

Damit es jetzt kein Missverständnis gibt, die Religionslehrerinnen sind frei von Schuld, denn ihr Los ist hart: Zum einen kriegen sie ihre Stunden an immer mehr Schulen nur noch an den ungeliebten Nachmittagen, was auch daran liegt, dass die Schulleiterinnen nicht wissen, was sie an den Vormittagen mit all den Kindern machen sollten, die sich abgemeldet haben. Aber erzähl einmal unseren Renés und Patricks vom lieben Gott, nachdem sie dafür um 16.45 Uhr noch einmal in die Schule haben kommen müssen - im schlimmsten Fall "nur" wegen Reli, weil das Nachmittagsturnen davor wieder einmal ausgefallen ist.

Dazu kommt die, nennen wir es vorsichtig: besondere Stellung der Religionslehrerinnen. Sie unterrichten einen "Pflichtgegenstand", der keiner ist, in Gruppen, die es in dieser Zusammensetzung sonst nicht gibt, zu Zeiten, in denen der Schulwart unter einer Tischbank den letzten Kaugummi langzieht. Da wird Motivation auf eine harte Probe gestellt.

Eine mir bekannte Religionslehrerin plante zu Schuljahresbeginn voll Engagement, ihre Stunden als "Sesselkreis rund um eine Kerze" anzulegen. Das wird nichts, habe ich ihr gesagt, im Sesselkreis kannst du mit 14-Jährigen bestenfalls Flaschen drehen, und vergiss die Kerzennummer! Sie blieb bei ihrem Vorhaben - doch wer sich ab November in eine ihrer Stunden verirrte, kam sich vor wie in der Praxis eines Paar-Therapeuten, der die Stromrechnung nicht gezahlt hatte. ... nichtintegrierter Lehrer

In vielen Fällen fehlt Religionslehrerinnen auch die Unterstützung durch ihre Kolleginnen, weil sie nämlich "Kolleginnen" im eigentlichen Sinn gar nicht haben. Sie unterrichten an zwei, drei, vier verschiedenen Schulen, und zwar eben Religion und sonst nichts, das heißt, sie sind in den Lehrkörpern nicht integriert. Das liegt an der unglücklichen Einstellungspraxis der Kirche.

Es ist ja so: Zum Religionslehrer kannst du dich an einer "normalen" PH zwar ausbilden lassen (ich z. B. bin in Besitz eines hart erarbeiteten so genannten "Befähigungszeugnisses zur Erteilung des Religionsunterrichts" an Hauptschulen, KMSen und Polis), aber unterrichten darf ich da nicht. Da lässt meine Diözese nämlich nur jene ran, die an den eigenen religionspädagogischen Hochschulen ausgebildet wurden. Ich hoffe, das sagt man den Studierenden inzwischen, uns hat man es nicht gesagt.

Ich z. B. stehe ja auf Religion. In der Hauptschule ist Reli der einzige Gegenstand, in dem die Frage angesprochen werden könnte, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Wahrlich nicht die unwichtigste Frage im Leben eines denkenden Menschen. Okay, in einem Religionsunterricht zeitgemäßen Zuschnitts müssten alle Konfessionen ihren Platz haben, quasi in Form einer "Ringvorlesung": Judentum, Buddhismus, Christentum, Islam (gleichrangig, und hier in der historischen Reihenfolge ihres Auftretens genannt). Endlich Lebenshilfe

Die zweistündige Belangsendung der katholischen Kirche, wie die meisten von uns Religionsunterricht früher erfahren haben (ich übrigens nicht, Danke, Herr Professor Klaus Porstner!), ist nicht nur anachronistisch - er funktioniert ja sowieso nicht mehr.

Ein sinnvoller Religions-, nein: Religionen-Unterricht bräuchte natürlich neue Rahmenbedingungen. Eine davon wäre die jetzt (leider ausgerechnet von den ÖVP-"Blockierern") vorgeschlagene Einführung eines alternativen Ethikunterrichts - verpflichtend, gleichzeitig und vormittags. Natürlich würde das den Religionen-Unterricht aufwerten, aber wer fürchtet sich davor?

Und jene, die mit Religionen nichts am Hut haben, schicken ihre Kinder eben in den Ethikunterricht. Endlich gäbe es wieder einmal eine Stunde im Fächerkanon, die kein verdecktes Berufspraktikum ist sondern Lebenshilfe. Wo es um Fragen der Gewalt, der Moral, der sozialen Gerechtigkeit, des globalen Friedens und der lokalen Schweinereien gehen darf, nicht viel anders als bei der klerikalen Gegenveranstaltung im Nebenzimmer, nur eben ohne Ave Maria.

Und dann könnte man am Nachmittag die paar, die noch Uno spielen und nicht "Quake", auch wieder Uno rufen lassen statt Amen. (Niki Glattauer/DER STANDARD, Printausgabe, 15. April 2008)