Wien - "Die Uni-Ferkelei": "So unsympathisch dieser Begriff ist - unter diesem Namen ist die Veranstaltung in die österreichische Geschichte, in die österreichische Kunstgeschichte eingegangen." Moderator Dieter Schrage ließ gleich zu Beginn des Erinnerungs- und Diskussionsabends keinen Zweifel daran, wie hoch er den Stellenwert jenes Happenings einschätzt, das am 7. Juni 1968 unter dem Titel "Kunst und Revolution" im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien stattfand. Die gestrige Veranstaltung, abgehalten im passenden Ambiente des "3Raum Anatomietheaters" der ehemaligen Wiener Veterinärmedizinischen Universität, wurde eine manchmal recht skurril anmutende Mischung aus Veteranentreffen und Kunstgeschichtsvorlesung.

Auspeitschen eines Masochisten

Als Einführung in die Materie gab es einen verwackelten, mit raschen Schnitten versehenen und zusätzlichem Filmmaterial angereicherten Kurzfilm von Ernst Schmidt jun. zu sehen, bei dem der Avantgardefilmer auch ein paar verfremdete Aufnahmen der "Kunst und Revolution"-Aktion eingebaut hatte. Als Dokumentation nur höchst bedingt geeignet, ließ Schrage den Streifen mit einem alten Filmprojektor zwei Mal vorführen, um Gelegenheit zu geben, zumindest die handelnden Personen identifizieren zu können: Oswald Wiener bei einem unverständlichen Vortrag über Input-Output-Theorie, Peter Weibel bei einer buchstäblich entflammenden "Brandrede" gegen den damaligen Finanzminister Koren, Otto Mühl beim Auspeitschen eines vermummten Masochisten, Günter Brus beim Stuhlgang.

"Harte Überzeugungsarbeit"

"Man glaubt nicht, wie schwer es ist, die Zuschauer davon zu überzeugen, dass es sich dabei um eines der wichtigsten Ereignisse der österreichischen Kunstgeschichte nach 1945 handelt", schilderte Kunsthistoriker Schrage offenherzig seine Erfahrungen mit der heutigen Studentengeneration, "Da muss man immer harte Überzeugungsarbeit leisten." Anders Journalist Peter Michael Lingens, seinerzeit als Gerichtsreporter des "Kurier" bei dem anschließenden Prozess gegen Brus, Mühl und Wiener (u.a. bot die "Herabwürdigung österreichischer Staatssymbole" dazu die geeignete Handhabe) eingesetzt: "Es gelingt mir bis heute nicht, darin ein so bedeutendes Kunstereignis zu sehen. Ich halte alle Beteiligten für künstlerisch höchst unbedeutend."

In der ersten Reihe

Dieser Einschätzung konnten sich der Architekt Günther Feuerstein und der bildende Künstler Walter Michael Pühringer nicht wirklich anschließen, dafür brachten sie Augenzeugenschaft ein. Feuerstein: "Ich bin in der ersten Reihe gesessen. Dort war der Gestank aber bald unerträglich. Also haben wir uns nach hinten gesetzt." Peter Jirak, der damals als Verantwortlicher des Sozialistischen Österreichischen Studentenbunds SÖS die Veranstaltung angemeldet hatte und daraufhin kurz vor Abschluss seines Philosophiestudiums von der Universität ausgeschlossen worden war, musste seine Diskussions-Teilnahme kurzfristig absagen, hatte allerdings per Mail seine Sicht der damaligen Ereignisse übermittelt. Er äußerte die Vermutung, dass es für den genauen Ablauf selbst unter den Teilnehmern nur lose Absprachen gegeben hatte, und dass ohne die folgende "Hetzkampagne" des Boulevard "wohl alles im Sand verlaufen" wäre. Obwohl es mit dem Können der teilnehmenden Künstler "nicht weit her" sei, seien "die meisten der 'Täter' heute Staatspreisträger".

Bürgerliche Chaoten

Die Gesamteinschätzung des österreichischen Beitrages zum Jahr 1968 wurde äußerst kritisch gesehen. "Die 68er Bewegung war in Österreich völlig unbedeutend", meinte Lingens, die ihr vorausgegangenen Entwicklungen etwa in der Literatur und der Malerei seien für den geistigen Aufbruch Österreichs viel wichtiger gewesen. Ganz ähnlich Feuerstein, der auf eine kontinuierliche Entwicklung verwies. "Für Österreich wird das jetzt hochstilisiert: Wir wollen auch unser 1968 haben! Aus meiner Sicht ist das schlichtweg falsch!" Und Schrage, der am am 7. Juni 1968 bereits nach wenigen Minuten von Hörsaal 1 lieber in das Audi Max gewechselt war, wo eine Diskussion mit dem damaligen Unterrichtsminister Piffl-Percevic angesetzt war ("Im Abgehen habe ich noch gesagt: 'Mit diesen bürgerlichen Chaoten kann man keine Revolution machen. Das nimmt mir der Brus bis heute übel. Vielleicht zu recht."), nahm sich selbst als Beispiel: "Ein Zeichen wie kläglich die 68er hier waren ist, dass ich zu jedem runden Jubiläum als Auskunftsperson hervorgeholt werde - obwohl ich viel zu alt bin, um ein 68er zu sein."

Nicht nur 3Raum Anatomietheater-Leiter Hubsi Kramar hielt leidenschaftlich dagegen und betonte die Bedeutung des einstigen gesellschaftlichen Aufbruchsprozesses, der schließlich in die Kreisky-Ära gemündet sei. Auch eine Kunstgeschichtestudentin dieser Zeit meldete sich zu Wort. Sie habe damals die Vorlesungen unerträglich gefunden und den Mut der Künstler bei der "Kunst und Revolution"-Veranstaltung aufrichtig bewundert: "Ich war so etwas von glücklich, dass man endlich darauf geschissen hat!" (APA)