Karl Wurm: "Gute Architektur muss auch ohne teure Sonderwünsche auskommen. Planungen, die sich auf die äußere Erscheinung des Gebäudes beziehen, bringen keine Verbesserung für die Bewohner."

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Mit dem Obmann des österreichischen Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen sprach Gerhard Rodler.

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STANDARD: Sie haben sich bei einer Pressekonferenz dafür ausgesprochen, die Architekten bei bestimmten Wünschen einzubremsen. Warum?

Karl Wurm: In letzter Zeit häufen sich die Projekte, wo Architektur zu aufwändiger Spielerei an der Fassade verkommt. Dafür fallen hohe Zusatzkosten an. Bei den derzeitigen Baupreisen ist das keine Lösung. Ich bin der Meinung, dass gute Architektur auch ohne teure Sonderwünsche realisierbar und wertvoll ist. Planungen, die sich auf die äußere Erscheinung des Gebäudes beziehen, bringen in der Regel keine Verbesserung für die Bewohner.

STANDARD: Warum schlagen Sie ausgerechnet jetzt Alarm?

Wurm: Die zurückliegende Erhöhung der Wohnbauförderung wurde zur Gänze von der Erhöhung der Baukosten aufgezehrt. Von 2006 bis zum Herbst 2007 sind die Baukosten um 20 Prozent gestiegen - und seither schon wieder um weitere 10 Prozent. Gerade in Zeiten mit steigenden Baukosten muss man als Wohnbauträger versuchen, bei den Kosten gegenzusteuern. Beispielsweise, indem man die Extrawünsche der Architekten einspart. Früher konnten wir die Mehrkosten teilweise auf die Baufirmen abwälzen. Jetzt sind die Kapazitäten der Baubranche voll ausgelastet, da gibt es nur noch wenig Verhandlungsspielraum.

STANDARD: Wie viel Prozent der aktuellen Projekte werden aufgrund von Sonderwünschen verteuert?

Wurm: In Wien sind das aus meiner Sicht bereits gut 30 Prozent. Manche meiner Kollegen sind der Meinung, dass sogar jedes zweite Projekt durch Sonderwünsche der Architekten wesentlich verteuert wird.

STANDARD: Und wie gehen die Genossenschaften damit um?

Wurm: Augen zu und durch! In Wahrheit können wir darauf ja kaum Einfluss nehmen. Bei Projekten des geförderten Wohnbaues in Wien wird die Jury vom Wohnbaustadtrat zusammengestellt. Auch in den Bundesländern wird die Zusammensetzung der Jury politisch vorgegeben. Da haben wir als Verband eine einzige Stimme. Ich kann daher nur an die Architekten appellieren, bei ihren Planungen auch an die Kosten zu denken.

STANDARD: Sollten das die Juroren nicht mit ins Auge fassen?

Wurm: In der Regel beurteilen die Jurys vor allem das äußere Erscheinungsbild eines Gebäudes. Das ist unverantwortlich, schließlich geht es hier um das Geld der Steuerzahler. Die öffentliche Hand muss in Zeiten steigender Baukosten besser acht geben. Auffällig ist, dass teure Architektenwünsche nur im gemeinnützigen Wohnbau realisiert werden. Die Privatwirtschaft geht dabei nämlich wesentlich kostenorientierter vor.

STANDARD: Die öffentliche Hand hat aber auch eine Verantwortung für das Stadtbild. Oder sehen Sie das anders?

Wurm: Natürlich hat sie das. Auch ich halte gute Architektur für notwendig, allerdings appelliere ich an eine Sensibilisierung gegenüber dieser Problematik und hoffe auf eine freiwillige Einsicht seitens der Architekten.

STANDARD: Und wenn sich diese nicht einstellen sollte?

Wurm: Bauen ist eine langwierige Prozedur. Wenn man aufgrund von derartig ausgefallenen Sonderwünschen keinen machbaren Baupreis bekommen, zieht sich ein Projekt mitunter sehr lange hin. Ich nenne Ihnen nur ein Beispiel: Das Projekt Karree St. Marx wurde schon vor fast einem Jahr entschieden. Bis heute gibt es mangels entsprechender Baupreise noch keinen Baubeginn. Und an wem liegt das? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.4.2008)