Auch das beständige Wiederholen, der Kosovo sei unvergleichbar und ein "Einzelfall", weil die UNO das Gebiet verwalte und die Nato 1999 militärisch intervenierte, half dem Westen nichts: Russlands Präsident Wladimir Putin kann - und das will er zeigen - aus dem "Einzelfall" einen Präzedenzfall machen. Und das trifft Georgien. Er kündigte nun an, die Zusammenarbeit mit den zwei abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien zu vertiefen. Tiflis nennt das heißblütig "Annexion". Die Beziehungen zwischen den Separatisten und Moskau sind tatsächlich schon jetzt nicht gerade oberflächlich. Moskau unterstützt sie politisch und militärisch. Die Mehrheit der Abchasen will die Unabhängigkeit. Und Russland nützt dies, um Stärke zu markieren.

Europa steht vor einem Dilemma: Weil viele EU-Staaten die Unabhängigkeit des Kosovo gegen den expliziten Willen Moskaus anerkannt haben, kann man nun schwerlich die Rhetorik der Regierung in Tiflis übernehmen, die darum bittet, dass das internationale Recht in Georgien durchgesetzt wird. Völkerrechtlich gehören Abchasien und Südossetien nämlich ganz klar zu Georgien, aber eben auch der Kosovo gehört - völkerrechtlich gesehen - zu Serbien. Und Europa will Russland nicht weiter vergraulen. Beim Nato-Gipfel in Bukarest bekam Georgien wegen des Widerstands der Europäer auch nicht die erhoffte verbindliche Einladung zum Beitritt.

Die georgische Regierung wirft den Europäern nun vor, dass ihre "Zögerlichkeit" Russland geradezu provoziert habe. In Tiflis sieht man auch einen direkten Zusammenhang mit der Kosovo-Frage. Es ist allerdings nicht zu erwarten, dass die russische Regierung, wie es das Parlament bereits forderte, die Staatlichkeit der beiden Separatistenregionen wirklich anerkennt. Denn die Gefahr, dass sich der Unabhängigkeitsvirus dann in anderen Teilen des Kaukasus verbreitet, ist sehr groß. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.4.2008)