Die italienische Gesellschaft ist von einem Bürgertypus geprägt, der auf seine Rechte pocht, die Pflichten aber ignoriert - und folgerichtig Berlusconi als einen der Ihren erkennt. Schlimm für das Land? Nicht unbedingt.

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Der Cavaliere ist wieder da. Ist Italien in Gefahr? Nein. Und wieso nicht? Berlusconi hat auch in seinen zwei vorangegangenen Amtszeiten das Land, wie man sehen konnte, weder destabilisiert noch ruiniert. Er hat viel geredet und wenig getan. Unterscheidet ihn das vom Rest der italienischen Politiker oder gar vom Rest Europas? Alle reden viel und tun wenig. Wer zu forsch auftritt, wird umgehend von der Trägheit der Institutionen in die Schranken gewiesen. Diese Trägheit verhindert aber nicht nur die nötigen Reformen, wie stets beklagt wird, sondern auch die Destabilisierung.

Was Italien zusammenhält, ist bestimmt nicht seine politische Klasse, es ist nicht einmal der Staat. Italien ist vielmehr eine stille Summe seiner Bürger, die zwar nicht engagiert auftreten, sich aber zu helfen wissen. Vom Staat fühlen sie sich eher belästigt, bei ihrem Freiheitsanspruch ausgebremst. Italien hat, wie kaum ein anderes Land, einen Bürgertypus hervorgebracht, der auf seine Rechte pocht und gleichzeitig die Pflichten ignoriert. Es ist der umtriebige Kleinbürger und Spießer, der sich gegen die Kontrolle auflehnt, gegen die staatliche Reglementierung. Er möchte in Ruhe gelassen werden, bei dem, was er macht. Schließlich ist er ja fleißig, und sein Fleiß bringt Italien bis heute auf der Liste der Wirtschaftsmächte weit nach oben.

Die italienische Gesellschaft ist eine Solidargemeinschaft gegen den Staat, die sich aber nicht als Solidargemeinschaft versteht, sondern als Biotop der Einzelkämpfer. So einer ist auch Berlusconi. Er wurde seinerzeit, als Unternehmer, vom Staatspräsidenten mit dem Titel "Cavaliere del Lavoro" (Ritter der Arbeit) ausgezeichnet. Wegen seiner umfangreichen Bautätigkeit. Dass ihm der Titel - ohne Arbeit - bis heute erhalten geblieben ist, hat damit zu tun, dass im "Cavaliere" nicht nur der Ritter steckt, der er wohl kaum ist, und auch nicht der Mann der guten Manieren, der er sicher nicht ist, sondern auch der Raubritter, der sich seinen Anteil holt, in der festen Überzeugung, dass dieser ihm zusteht. Der Spießbürger nickt eifrig. Die Diebe sind stets die anderen. Ist das Populismus? Ja, natürlich. Aber wer ist nicht populistisch? Sind es die Ex-Kommunisten etwa nicht, wenn sie sich jetzt Demokraten nennen?

Der größte rhetorische Verlust der europäische Linken ist jener des Freiheitsbegriffs. Ein Begriff, der im 19. Jahrhundert noch eine unbestritten linke Verankerung hatte. Dass er der Linken abhanden gekommen ist, hat mit der Praxis ihrer Utopie zu tun, mit ihrer Kapitulation vor dem Kollektivismus, mit ihrer Sowjetfreundlichkeit. Der Bolschewismus war nicht der Totengräber der Bourgeoisie, er war der Totengräber der Freiheit und damit auch der Linken.

Folgerichtig punktet ein Berlusconi heute mit dem Thema, nennt seine Wahlpartei Popolo della Libertà (Volk der Freiheit). Und was ist das genau? Es ist der Zusammenschluss von Forza Italia (einer Partei, deren Name sich einem Fußballschlachtruf verdankt) und Gianfranco Finis Alleanza Nazionale, die sich vom Postfaschismus zum Konservatismus vorgearbeitet hat. Frappierend? Ja und nein. Die Lehre ist, es kommt auf das Parteikonstrukt nicht mehr an. So wie man eine Pop-Band "castet", positioniert man auch eine Partei. Man muss nur die wirksamsten Parolen mit den richtigen Personen zusammenbringen. Eigentlich kann das jede gute Werbeagentur.

Der Wahlausgang in Italien lässt den Staat eine Legislaturperiode weiterstolpern. Vielleicht werden sogar die Müllberge in Neapel verschwinden, vielleicht wird auch die Alitalia saniert - vorübergehend, versteht sich -, und der Büffelmozzarella wieder unverdächtig. Aber wäre das dann wirklich der Regierung zuzuschreiben? Stammt doch der Müll von den Bürgern, und auch der Mozzarella wird nicht im Parlamentsgebäude hergestellt. - Um wirklich frei zu sein, bedarf es der Vernunft. Das aber gilt nicht nur für Italien. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.4.2008)