Es war Ende der Fünfzigerjahre, und jeder alpine Verein hatte turnusmäßig am Wochenende seinen Bergrettungsbereitschaftsdienst zu stellen. Da saßen wir also, zwei von Bergungstechnik ziemlich unbeleckte Burschen, in einem Kämmerchen im Hintertrakt des Innsbrucker Rathauses und warteten, bis dann am frühen Nachmittag ein Anruf kam. Ein Kletterunfall in den Kalkkögeln. Wir wurden zusammen mit zwei ausgebildeten Bergrettungsmännern in einen Jeep geladen und fuhren los. Nach einer halben Stunde Fahrt kam ein Funkspruch: Einsatz abgeblasen, Kameraden hatten den Leichtverletzten versorgt und ins Tal begleitet. Ich war froh.

Wer jetzt glaubt, die Bergrettung sei damals unprofessionell oder gar leichtsinnig gewesen, der irrt. Im Rückblick glaube ich, unsere Bereitschaftsdienste waren eine gute Einführung in das, was man in der Bergsteigersprache ein wenig pathetisch Kameradenhilfe nennt, und die war damals, in der Vor-Hubschrauber-Ära, noch viel wichtiger als heute. Ich erinnere mich an ein Erlebnis 1960. Ich durfte damals als Gehilfe eines geprüften Bergführers englische Touristen durch die Zillertaler Alpen begleiten. Auf einem flachen Gletscherstück stolperte einer aus der Gruppe, fiel hin und kegelte sich die Schulter aus. Toni Volgger, ein in allen Belangen souveräner Bergführer, handelte blitzschnell. Er klemmte seinen Eispickel unter die Achsel des Verletzten, der dazu aufstehen musste. Einer aus der Gruppe und ich mussten den Pickel vorn und hinten nach oben drücken, Toni ergriff das Handgelenk des käseweiß gewordenen Engländers und hängte sich ruckartig mit seinem ganzen Körpergewicht daran. Ein Schrei, und die Schulter war wieder dort, wo sie hingehörte, der Gast konnte seinen Weg fortsetzen. Kein Mensch, weder Führer, Bergretter oder Arzt, würde es heute wagen, so eigeninitiativ zu handeln - aus Angst vor Haftungsklagen.

In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich das Bergrettungswesen vor allem technisch radikal weiterentwickelt. Wo man einstmals Brieftauben einsetzte, erlauben heute Handy und GPS rasche Benachrichtigung und genaue Lokalisierung. Und der Hubschrauber ist minutenschnell zur Stelle, um mit Einsatzarzt und medizinischem Gerät vor Ort Hilfe zu leisten und für schnellen Abtransport zu sorgen. Freilich nur dann - und das ist die Schwachstelle der Hubschrauberbergung - wenn das Wetter einen Flug erlaubt.

Enorm entwickelt wurden in letzter Zeit auch die Bergegeräte. Ein ultraleichtes Dreibein, verpackt in einem Rucksack, ermöglicht die Flaschenzugbergung aus Gletscherspalten. Mit einer Dampfsonde können Luftlöcher zu Lawinenverschütteten gebohrt werden. Und ein Miniraupenfahrzeug mit Seilwinde und einem Aufbau für Rettungsschlitten (Akjas) erleichtert Bergung und Abtransport von Verletzten.

Trotzdem erinnert die Tätigkeit des Bergrettungsdienstes manchmal an das Märchen vom Hasen und dem Igel. Je mehr die alpinen Helfer ihre Anstrengungen verstärken, desto stärker werden sie gefordert. Das liegt einmal an der steigenden Zahl von (zum Teil immer älteren) Menschen, die im Gebirge zugange sind, weiters an immer neuen Trendsportarten, vom Eisfallklettern bis zum "Canyoning" in unwegsamen Schluchten, in die sich bei einem Gewitter in Minutenschnelle reißende Wasserfälle ergießen können. Und dazu kommt die Überheblichkeit mancher Wanderer, die glauben, mit dem Handy und dem Alpin-Notruf 140 könne ihnen nichts passieren.

Das kann aber teuer werden. Bergrettungsleute sind zwar freiwillig und unentgeltlich im Einsatz, "aber eine Hubschrauberbergung kostet bald einmal 5000 Euro", weiß Gerald Lehner, Öffentlichkeitsreferent des Österreichischen Bergrettungsdienstes (ÖBRD).

Nicht Lawinenunfälle, die meist die Medienberichterstattung beherrschen, sind die aufwändigsten Bergrettungseinsätze, sondern die Suche nach Vermissten in einem großen, unwegsamen Gebiet. 150 Leute und drei Hubschrauber waren im Oktober 2004 eine Woche lang im Gasteinertal unterwegs, um den deutschen Bergwanderer und seinerzeitigen "Ötzi"-Entdecker Helmut Simon zu suchen, den dann ein Jäger tot in einer Schlucht fand. 20.000 Euro kostete diese Aktion, dagegen ist der jährliche Förderungsbeitrag von 22 Euro an den ÖBRD, mit dem man samt Familie weltweit gegen Bergekosten versichert ist, gut angelegtes Geld.

11.000 Bergretter gibt es in Österreich, organisiert in sieben Landesverbänden (Burgenland fehlt, Wien und NÖ arbeiten gemeinsam). 2007 wurden bundesweit 5872 Einsätze durchgeführt und 5995 Personen geborgen. Neben Geldsorgen - die Landesorganisationen erhalten zwar Basissubventionen, müssen aber zusätzlich Sponsoren auftreiben, um Ausbildung und Ausrüstung finanzieren zu können - gibt es zunehmend das Problem der Freistellung von Einsatzkräften durch ihre Arbeitgeber. Bemühungen um Frauen (derzeit gibt es erst 200) und die Generation 50 plus sollen den Bergrettungsdienst verstärken.

Davon, dass sich das auch für den Bergretter lohnt, ist der Vorarlberger Arzt und Himalayabergsteiger Oswald Ölz überzeugt. Der 65-Jährige erinnert sich an die spektakulären Rettungseinsätze, an denen er in Europa, Asien und Afrika beteiligt war, "als besondere Highlights in meinem Leben", als Adrenalinkicks und intensive Ganzheitserlebnisse in einem. Deshalb müssten einem Bergretter "auch wirklich nicht leidtun."

Aber ein wenig bewundern darf man sie schon: als rar gewordene Spezies in einer profitorientierten Gesellschaft. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo, Printausgabe, 18.4.2008)