Eine Liebe, die nicht gegen die Zeit besteht: Clotilde Hesme und Louis Garrel in Philippe Garrels "Les amants réguliers/Unruhestifter".

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Liebe, Drogen, abgerissene Gespräche über Politik. Die Party ist entspannt und flirrend zugleich, die Besucher angeln sich von einem Raum in den nächsten, ein einziges Kommen und Gehen. This Time Tomorrow von The Kinks ist der Song, der dazu läuft – und wüsste man nun überhaupt nichts über diesen Film, dann würde man diese Szenen unter Garantie keinem zeitgenössischen Werk zugehörig glauben.

Der große Eigenbrötler unter Frankreichs Filmemachern, Philippe Garrel, hat schon 2005 mit Les amants réguliers (Unruhestifter auf Arte-deutsch) einen sehr persönlichen Film über die Rebellionen und Utopien des Jungseins gedreht. Bewusst keinen Film über ‘68, weil er auf die gängige Rekonstruktion eines historischen Ablaufs mit dazugehörigen Hochglanzbildern rigoros verzichtet – Bertoluccis kurz davor realisierter The Dreamers war das erklärte Feindbild. Die Mai-Unruhen inszeniert Garrel etwa als eher statisch wirkende nächtliche Konfrontation von Studenten und Polizei. Die Kamera bleibt auf Augenhöhe, und die Schwarzweiß-Bilder sehen manchmal aus, als wären sie aus einem privaten Archiv herausgefischt worden. Wichtig ist die Zeit, die der Film dem Geschehen widmet. Er will weniger Aktionen wiedergeben, vielmehr die Erfahrung einer langen Nacht und widersprüchlicher Gefühle vermitteln.

Im Zentrum von Les amants réguliers steht schließlich auch kein politischer Bewusstwerdungsprozess, sondern mit François (Louis Garrel, der Sohn des Regisseurs) ein romantischer junger Mann, der sich als Poet versteht und von den historischen Ereignissen eher indirekt erfasst wird. Der Revolutionär ist bei Garrel einer, der sich jedem Zweck der Utopie verweigert – und es eher darauf anlegt, in einem immerwährenden Zustand der Unentschiedenheit zu verweilen. Er bleibt das „reine Wesen“ in einer Gemeinschaft, die allmählich auseinander bricht und die Ideale von früher in den Wind wirft. Am nächsten Morgen ist immer alles anders. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD; Printausgabe, 23.4.2008)