Die vorrangige Beschäftigung mit dem Schicksal des Kosovo und den Gegenreaktionen des serbischen Volkes haben einen potenziell fast ebenso gefährlichen internationalen Krisenherd etwas in den Hintergrund gedrängt. Nach dem durch ein griechisches Veto vereitelten Versuch, Mazedonien in die Nato aufzunehmen, zerfiel die zerstrittene Regierung in Skopje. Vorgezogene Wahlen finden schon am ersten Juni statt. Die Wahlkampagne wird sowohl durch die Auswirkungen des griechischen Vetos wie auch durch neue Spannungen zwischen Mazedoniern und der großen, vor allem im Westen des Landes lebenden albanischen Minderheit geprägt. Je nach Schätzungen sind zwischen 25 Prozent und einem Drittel der knapp über zwei Mio. Einwohner Albaner.

Viele Diplomaten diskutierten zur Zeit des Zerfalles der jugoslawischen Föderation, ob das kleine Mazedonien, umgeben von feindlichen oder schwierigen Nachbarn Griechenland, Serbien, Bulgarien, Albanien und dem Kosovo, überhaupt lebensfähig sei. Nach den Balkankriegen von 1912–13 wurde Mazedonien aus der Konkursmasse des Ottomanischen Reiches zwischen Griechenland, Serbien und Bulgarien aufgeteilt. Jahrzehntelang wurden die slawischen Mazedonier als Bulgaren oder Griechen betrachtet. Auch im ersten Jugoslawien war ihre besondere Identität negiert.

Die historische Wahrheit ist, dass erst Tito die Mazedonier (wie übrigens die bosnischen Muslime) aus politischen Gründen als eigene Nation anerkannt hat. Ich habe die Teilrepublik Mazedonien und die mehrheitlich albanisch bewohnten Bezirke ebenso wie das sogenannte Pirin-Mazedonien in Bulgarien und den zu Griechenland gehörenden Teil des historischen Mazedoniens besucht. Heute kann man kaum mehr behaupten, dass die mazedonische nationale Identität bloß eine titoistische Erfindung oder eine künstliche Konstruktion sei.

Bereits in der spät-titoistischen Zeit und erst recht nach dem Zerfall Jugoslawiens haben alle maßgeblichen Politiker in Skopje dem großmazedonischen Gedanken eine klare Absage erteilt. Dass der Flughafen von Skopje nach „Alexander dem Großen“ umbenannt wurde, war natürlich eine klare, wenn auch lächerliche Provokation. Allerdings antworteten die bedrängten Mazedonier damit auch auf die griechischen Druckversuche. Die meisten nichtgriechischen Balkanexperten verurteilen den Versuch, einen Alleinvertretungsanspruch auf den Namen Mazedonien zu erheben und einem anderen Volk das Recht auf seine Identität abzusprechen. Mit seinem Veto in der Nato hat Griechenland nicht nur Mazedonien destabilisiert, sondern auch der für Athen so wichtigen Beruhigung des Balkans einen Bärendienst erwiesen.

Der französische Dichter Paul Valéry schrieb einmal: „Die Geschichte rechtfertigt, was immer man will, sie klärt schlechterdings nichts, denn es gibt nichts, was sich mit ihr nicht belegen ließe.“ Dementsprechend gibt es nicht nur die Kosovo-Hysterie der Serben, sondern auch die Mazedonien-Hysterie der Griechen. Ebenso wäre es heuchlerisch, den aggressiven Nationalismus vieler Mazedonien-Albaner zu leugnen, der zusammen mit der Weigerung der Mazedonier, den Albanern großzügige Minderheitenrechte zu gewähren, bereits 2001 fast zu einem Bürgerkrieg geführt hat. In und um Mazedonien tickt also wieder einmal eine Zeitbombe. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 24.4.2008)