Lienz – Gäbe es die Berge nicht, meint Andy Holzer, könnte es wirklich so sein, dass er das Etikett akzeptiert, das Mitmenschen für ihn parat haben: "behindert". Schließlich ist es ja Faktum, dass Holzer blind ist. Seit seiner Geburt.

Nur: Wer dem 41-jährigen Osttiroler mit jener Mischung aus Mitleid und Entmündigung entgegentritt, die im Umgang mit Behinderten oft immer noch Usus ist, erlebt sein blaues Wunder. Holzer bittet dann (freundlich, aber bestimmt) ins Freie. Und in einer Kletterwand mit beliebigem Schwierigkeitsgrad fragt er zurück: "Wer ist behindert? Du? Ich? Wir beide?" Dann klettert Andy Holzer. Ruhig, zielstrebig und flink. Und mit – das Wortspiel sei erlaubt – traumwandlerischer Sicherheit. Denn Andy Holzer ist Profi. Er ist Berufsbergsteiger. Dass er die Wand nicht sieht, ändert daran nichts: "Sehende verwechseln ‚sehen‘ gerne mit ‚wahrnehmen‘."

Doch genau das, erklärt der Lienzer, der jährlich an die 200 Touren absolviert, sei falsch. Aber um das zu erkennen, bedürfe es des extremen Geländes: "In einer Fußgängerzone ist der Blinde chancenlos unterlegen – aber je steiler es wird, je bewusster man jeden Schritt setzen muss, umso geringer wird der Unterschied. Und das ist meine Form von Freiheit." Freilich musste sich Holzer diese hart erarbeiten. Von Kindes_tagen an: "Für meine Eltern war es unheimlich schwer, mich nicht unter einen schützenden Glassturz zu stellen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mit aufgeschlagenen Knien nach Hause gekommen bin. Aber ich bin jedes Mal wieder raus. Und ich habe aus jedem Fehler gelernt." Aber auch seine Eltern lernten: Je öfter der blinde Bub tun konnte, was er wollte, um so selbstbewusster wurde er. Nicht nur am Berg. Und: Kratzer und Blessuren wurden rasch weniger.

Sicherheitsbewusstsein

Mit neun nahm der Vater Andy zum ersten Mal zum Klettern mit. Und Anfang der 90er-Jahre kletterte Holzer junior nicht mehr mit, sondern stieg als Seil-Erster in die Wand. "Manche Leute glauben, dass ich keine Angst habe, weil ich die Tiefe nicht sehe. Das ist falsch: Ich habe ein extremes Sicherheitsbewusstsein. Ich bereite mich gewissenhaft vor. Weil ich mich auf meine anderen Sinne verlassen muss, ist mein Sensorium für Gefahren besonders geschärft." Und gerade in puncto "Höhe" könne man leicht testen, was hinter dem Sehsinn verkümmert: "Wer am _Donauturm die Augen zumacht, spürt, dass es da runtergeht: In Wirklichkeit seid ihr, die Sehenden, behindert – ihr wisst gar nicht, was alles geht und was ihr für Potenziale habt."

Was möglich ist, beweist der Mountainbiker, Tourenskifahrer und Surfer aber eindrucksvoll: 2005 bestieg er den 5895 Meter hohen Kilimanjaro – als Teil einer Seilschaft aus acht Blinden und zwei Beinamputierten, die Erik Weihenmayer, der erste Blinde am Mount Everest, zusammengestellt hatte. 2006 ging er erstmals mit behinderten Kindern klettern. 2007 erklomm er den Donauturm, um auf Fähigkeiten und Bedürfnisse blinder Kinder hinzuweisen ("Ich bin die Ausnahme: Nur wenige Behinderte bekommen die Chance, ihr Leben so zu gestalten wie ich"). Heuer will Holzer den Mount McKinley, den kältesten Berg der Welt, bezwingen – und wenn er nicht klettert, erzählt er Sehenden von den Bergen. Und von der Freiheit. Schließlich lautet sein Motto "den Sehenden die Augen öffnen". (Thomas Rottenberg, DER STANDARD - Printausgabe, 25. April 2008)