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Italien lässt Fantasien blühen und den WM-Pokal aus dem Sockel der Badener Pestsäule wachsen.

Fotomontage: Getty, Habicht
Baden - Vor der Kurdirektion in Baden bei Wien sitzen zwei ältere Damen auf weiß lackierten Parkbänken und verspeisen genüsslich ihre Jause. Vor ihnen leuchten gelbe und violette Stiefmütterchen in Reih und Glied in einem schmalen Beet am Gehsteigrand, auf einer Verkehrsinsel wächst ein kurz geschorener Grünpolster, der an Golfplatzrasen erinnert. In Baden gibt es viele weiße Parkbänke, und an einem sonnigen Tag wie diesem sind sie gut besetzt. Die beschauliche Fußgängerzone ist trotz des guten Wetters fast menschenleer.

Im Juni wird das anders sein. Dann erwartet die 26 Kilometer südlich von Wien gelegene 25.000-Einwohner-Stadt "ein Jahrhundertereignis", wie Tourismusdirektor Klaus Lorenz sagt. Denn am 2. Juni zieht der Fußball-Weltmeister ins Schlosshotel Weikersdorf. Während die Spieler der italienischen Nationalmannschaft von dort aus einen herrlichen Blick auf den Rosengarten haben, sollen sie selbst vor neugierigen Blicken durch einen Zaun geschützt werden, den Fotokünstler Paul Landl mit seinen Kunstwerken in Plakatgröße behängt.

Das ist eines der Projekte, auf das Lorenz besonders stolz hinweist, wenn er erzählt, was in der Biedermeier-Stadt für die Zeit der EURO 2008 geplant ist. In die Tausende gehe die Zahl der in die Vorbereitungen Involvierten, schätzt er. Die Mühe soll sich lohnen. Die Kosten für die Beherbergung der Azzurri trägt das Land, sie sollen durch den Werbewert der EURO fünffach wieder hereinkommen.

"Wir wurden immer als klassische, verstaubte Kurstadt gesehen", sagt Lorenz. Mit dem italienischen Team auf Badener Boden ist Änderung in Sicht. Gelingen soll das etwa damit, dass der Hauptplatz zum "Platz der EM" wird. Der Boden des gesamten Areals wird dafür eigens grün bemalt, Fußballerfiguren werden aufgestellt. Schüler der Wirtschaftshauptschule sind gerade dabei, die zweidimensionalen Kreaturen zu entwerfen.

Über Lorenz' seit Jahren behutsam verfolgtes Ziel, die Stadt solle auch ein wenig lauter werden, dürfte im Juni am Brusattiplatz ein wenig hinausgeschossen werden. Dann können dort bis zu 700 Personen lauthals vor der Public-Viewing-Leinwand live bei EM-Spielen mitfiebern. Täglich von 17 bis 24 Uhr wird die Zone gratis zugänglich sein. An spielfreien Tagen gibt's Sommerkino.

Auch zwei Gastro-Zonen, nobles "EURO-Schauen" im Kasino und ein fußballfreies, mit Jazzmusik und Cocktails aufwartendes Areal soll es geben. Es wird vielleicht das einzig EURO-freie Fleckerl in der Stadt sein. Denn zahlreiche Schaufenster sind schon jetzt mit Fußballtrikots, -hosen, -schuhen und -bällen dekoriert, und manche Straßenzüge dürften noch zusätzlich geschmückt werden.

"Die Stadt soll ein schönes Gesamtbild abgeben", sagt VP-Bürgermeisterin Erika Adensamer, die sich ganz speziell auf die Lebensfreude der Italiener und das internationale Flair freut.

Dem erwarteten Ansturm aus Italien sollen die Geschäftsleute, Hoteliers und Gemeindebediensteten auch sprachlich gewachsen sein. Seit Ende Jänner werden spezielle Italienisch-Kurse angeboten, einen besucht auch der Tourismusdirektor selbst.

Wenn es nun überall in Baden und Umgebung heißt "Die Italiener kommen", so fehlt dem Satz genaugenommen ein Wort, nämlich "wieder". Denn schon die Römer haben Baden einst heimgesucht. (siehe Artikel links).

Jüngere Gäste als sonst

Anlässlich der Rückkehr der Südländer sind die Vier-Sterne-Hotels für Juni bereits zu mehr als 80 Prozent ausgebucht. Die Klientel unterscheidet sich heuer etwas von den üblichen Gästen, die sonst im Schnitt vierzig Jahre alt und älter sind. Ein Jahrzehnt jünger und weniger kulturell interessiert sein werden sie, schätzt Lorenz.

Italien belegte zuletzt in der Badener Besucherstatistik den vierten Platz. Nach 2008 soll es wieder Platz drei belegen, der derzeit hinter Österreich und Deutschland Russland gehört. Rund 14.000 Übernachtungen sollen 2008 an die Besucher aus dem südlichen Nachbarland entfallen. Das wären doppelt so viele wie im Vorjahr.

Vergangene Woche haben sich zehn italienische Journalisten vor Ort ein Bild von Baden, dem Wiener Happel-Stadion, der Trainingsstätte in der Südstadt und dem Quartier der Fußballer gemacht. Das Hotel ist ein ehemaliges Renaissanceschloss, das in einem modernen Anbau mit Pool, Bowlingbahn, Wellnesslandschaft und diversen Aufenthaltsräumen aufwartet. 77 Zimmer sind für das Team samt Begleittross (inklusive Köche) gebucht. Vielleicht scheint die Sonne, wenn der Weltmeister anreist, und viele Badener sitzen auf den Parkbänken. Doch mit der Ruhe in der Stadt dürfte es dann für ein paar Wochen vorbei sein. (Gudrun Springer, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 25. April 2008)