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Nouriel Roubini

Foto: Reuters
Nun, da klar ist, dass sich die Vereinigten Staaten in einer Rezession befinden, geht es darum, ob diese kurz und flach oder lang und tief ausfallen wird - eine Frage, die für den Rest der Welt ebenso bedeutend ist wie für die USA. Die Antwort darauf hängt von der Form der Rezession in den USA ab: Ist sie kurz und flach, wird ausreichendes Wachstum in anderen Teilen der Welt dafür sorgen, dass es nur zu einem leichten weltweiten Abschwung kommt. Ist die Rezession in den USA allerdings lang und heftig, könnte dies in manchen Ländern (Großbritannien, Spanien, Irland, Italien und Japan) zu einer offenkundigen Rezession und in anfälligen Schwellenökonomien sogar zu Finanzkrisen führen. Prinzipiell könnte die Rezession in den USA die Form eines V, eines U, W oder L haben. Welches dieser vier Szenarien ist nun das wahrscheinlichste?

Momentan wird allgemein davon ausgegangen, dass die Rezession V-förmig und damit ähnlich wie die jeweils acht Monate dauernden Rezessionen in den Jahren 1990 bis 91 und 2001 verlaufen wird. Die meisten Analysten prognostizieren ein schrumpfendes BIP in der ersten Hälfte des Jahres 2008 und eine Erholung im zweiten Halbjahr. Ich erwarte eine längere und tiefere U-förmige Rezession, die mindestens zwölf und möglicherweise auch 18 Monate andauert - also eine der schlimmsten Rezessionen in den USA seit Jahrzehnten - da die makroökonomischen und finanziellen Bedingungen heute viel schlechter sind.

Erstens befinden sich die USA in der schwersten Immobilienrezession seit der Großen Depression und diese Krise ist noch nicht vorüber. Der Bau neuer Eigenheime ist um etwa 50 Prozent zurückgegangen und die Verkäufe neuer Häuser um über 60 Prozent. Damit ist ein enormes Überangebot entstanden, wodurch die Preise stark fallen - bis jetzt um zehn Prozent und wahrscheinlich um weitere zehn Prozent in diesem Jahr und im Jahr 2009.

Es wurden bereits 2,2 Billionen Dollar an Werten vernichtet und etwa acht Millionen Haushalte weisen ein negatives Eigenkapital auf: Ihre Hypotheken übersteigen also den Wert ihrer Häuser. Bis zum Jahr 2010 werden die Häuserpreise um bis zu 30 Prozent fallen, wodurch 6,6 Billionen Dollar an Eigenheimkapital zerstört werden und 21 Millionen Haushalte - 40 Prozent der 51 Millionen mit einer Hypothek - werden mit negativem Eigenkapital zu kämpfen haben. Verlassen die Besitzer ihre Häuser, könnten die Kreditverluste einen Wert von eine Billion Dollar oder noch mehr erreichen, wodurch der größte Teil des Kapitals im US-Finanzsystem vernichtet und eine systemische Bankenkrise ausgelöst werden könnte. Zweitens wurde der Abschwung im Jahr 2001 durch schwache Investitionstätigkeit der Unternehmen untermauert. Heute liegen die Schwierigkeiten im privaten Verbrauch (70 Prozent des BIP).

Die US-Verbraucher sind finanziell am Ende, stehen ohne Ersparnisse mit hohen Schulden da (im Schnitt 136 Prozent des Einkommens) und sind von vielen negativen Schocks betroffen. Auch befinden sich die USA in der schlimmsten Finanzkrise seit der Großen Depression. Die Verluste erstrecken sich über Hypotheken aller Bonitätsstufen bis hin zu kommerziellen Hypotheken und unbesicherten Verbraucherkrediten (Kreditkarten, Autokredite, Studentendarlehen). Die Gesamtverluste - einschließlich einer Billion Dollar aus Hypotheken und den damit verbundenen verbrieften Produkten - könnten eine Höhe von bis zu 1,7 Billionen Dollar erreichen. Angesichts dieser atemberaubenden Summen könnte den USA eine W-förmige Rezession mit zwei Talsohlen bevorstehen. (©Project Syndicate, 2008. Übersetzung: H.Klinger-Groier, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.4.2008)