Kämpferisch: Andreas Mailath-Pokorny (vor dem Bild seiner Frau Sonja Kato mit Sohn Matthias).

Foto: Regine Hendrich
STANDARD: Das Kulturbudget stieg in den vergangenen Jahren überproportional zum Wiener Gesamtbudget. Dennoch hört man aus dem Kulturamt immer wieder, etwa mit Blick auf Kunstankäufe: Wir haben kein Geld! Worin liegt der Widerspruch?

Mailath: Für die Kunst ist immer zu wenig Geld da. Wir machen, ohne jegliches Eigenlob, auch sehr viel mehr: Dschungel, Tanzquartier und so weiter. Wir mussten den großen Brocken der Etablierung des Theaters an der Wien als Opernhaus stemmen. Ein großer Teil der diesjährigen Budgeterhöhung kommt den Wiener Symphonikern oder dem Volkstheater zu Gute. Und wir haben für viele weitere Projekte den Etat erhöht. Aber ich verhehle nicht, dass wir nicht alle und alles finanzieren können.

STANDARD: Die Stadt förderte die darstellenden Künste 2006 mit insgesamt 95,3 Millionen Euro. Zwei Drittel gingen an die großen Institutionen. Nur 17,9 Millionen wurden von Fachgremien ausgelobt, denn 11,7 Millionen gelten als "nicht zuordenbare Entscheidungen". Ist das nicht ein Missverhältnis?

Mailath: Nein. Letztendlich bin ich für alle Entscheidungen zuständig, ob sie gremial vorbereitet werden oder nicht. Dazu stehe ich. Ich habe auch mit der Theaterreform bewiesen, dass ich Diskussionen nicht scheue. Und: In Wien, anders als im Bund oder in anderen Ländern, muss jeder Cent durch demokratisch legitimierte Gremien wie den Gemeinderat gehen. Der Vorwurf, dass undemokratisch oder intransparent vorgegangen würde, trifft nicht zu, weil - mit oder ohne absolute Mehrheit - diese Vorgänge eingehalten werden müssen.

STANDARD: War es nicht Ziel der Theaterreform, alle Fördergelder für die Off-Szene und die Mittelbühnen über Jurys laufen zu lassen?

Mailath: An die wir uns halten! Aber wir haben auch eine Escape-Klausel vereinbart: Es muss die Möglichkeit geben, Entscheidungen zu fällen, die nicht diese Gremien durchlaufen. Denn Häuser wie das Floridsdorfer Gloria Theater würde von Juroren nicht empfohlen werden. Es gehört aber auch zur Aufgabe einer Kulturpolitik, Standortüberlegungen anzustellen. Also nehme ich meine Verantwortung wahr. Gewisse Gruppen, Initiativen und Häuser sollten im Sinne einer größtmöglichen Vielfalt der Kultur eine Unterstützung erfahren. Also: Ja, es muss einen Mix geben aus fachkundig erarbeiteten Empfehlungen und aus Notwendigkeiten, die sich aus der Kulturpolitik begründbar ergeben.

STANDARD: Ihr Leitbild sprach doch ehedem von der "Einheitlichkeit" der Entscheidungsprozeduren. Was hat es damit jetzt auf sich?

Mailath: Etwas wie das Theaterleben lässt sich nicht restlos planen und umsetzen. Da gebe ich zu, etwas gelernt zu haben. Das ist eine lebendige Kultur, die man nicht nur auf dem Papier regeln kann.

STANDARD: Sie haben eine neue Jury bestellt: Was ist deren Aufgabe, wenn ja doch Sie entscheiden?

Mailath: Sie soll in Dialog mit mir arbeiten. Ich halte nichts davon, Experten zu bestellen, die fünf Monate lang ein Konzept ausarbeiten und dann zu mir nur sagen: "Erwürg dich damit!" Es braucht einen Diskussionsprozess. Ich erwarte mir von der Jury Beratung und Empfehlung. Ich möchte mit ihr jeden Standort durchgehen, sodass wir im Herbst eine Linie haben.

STANDARD: Wie die Erfahrung zeigt, sind Sie vor allem damit beschäftigt, Vorhandenes zu prolongieren. Das muss Sie doch unfroh stimmen?

Mailath: Eine weitere Erfahrung: Es geht nicht darum, ein Drittel der Häuser zuzusperren, um ein Drittel Neugründungen zu ermöglichen. Aber wir ermöglichen Weiterentwicklungen - und wir legen noch etwas dazu für die wirklichen Novitäten. Es gibt keinen Mangel an Neugründungen - vom Rabenhof bis zu "brut". Es gibt Weiterentwicklungen etwa beim Odeon. Ein weiteres Ergebnis der Theaterreform wird das Koproduktionshaus. Wenn also herauskommt, dass wir kein Theater geschlossen haben, aber Neues hinzugewonnen und anderes weiterentwickelt haben: Wenn das die Bilanz der Theaterreform ist, dann bin ich zufrieden.

STANDARD: Worin besteht beim Odeon die Weiterentwicklung? Das Serapionstheater klagte über "erpresserische Akte" des Kulturamts.

Mailath: Ich habe nie die Wichtigkeit dessen, was Erwin Piplits und Ulrike Kaufmann geleistet haben und leisten, infrage gestellt. Aber es gab eine durchaus gestörte Gesprächsebene. Nun besteht Einigkeit darüber, dass man in diesem wunderbaren Raum noch mehr machen kann. Ich will noch nichts vorwegnehmen, aber eine Weiterentwicklung, wie sie jetzt gerade auf dem Feld des Musiktheaters ablesbar ist, wird im Herbst deutlich werden, wenn im Odeon Tanz stattfindet. Wir befinden uns am Anfang eines sehr guten Wegs.

STANDARD: Die Besonderheit der Theaterreform lag doch auch darin, eine Kultur des Diskurses zu etablieren. Es war die Rede davon, Anschluss zu suchen an internationale Kunstentwicklungen. Ist das nicht etwas in den Hintergrund getreten?

Mailath: Das ist nach wie vor mein Anspruch! Ich selbst habe das Schlagwort der "Ermöglichung von Gegenöffentlichkeit" geprägt. Der größte Posten war zweifellos die Etablierung des Theaters an der Wien als Opernhaus. Dazu stehe ich, weil ich glaube, dass dieses im Rahmen des Genres Oper sehr wohl eine Gegenöffentlichkeit bildet. Es hat dieser Ergänzung des Angebots bedurft! Ich habe gegen Widerstände auch in der eigenen Partei zum Rabenhof wie zum Tanzquartier gehalten. Ich stehe übrigens auch dazu, was Sigrid Gareis dort gemacht hat, und ich will, dass Inhalt wie Anspruch so fortgeführt werden. Oder denken Sie an "brut", an den Dschungel, an das künftige Kabelwerk und die kommunalisierten Kinos: Es geht mir darum, einen diskursiven, sozusagen emanzipatorischen Ansatz zu unterstützen. Das schließt aber nicht aus, dass man daneben Entscheidungen trifft, die diesen Ansprüchen nicht genügen.

STANDARD: Wie der hoch geförderte Operettensommer?

Mailath: Er ist vielleicht nicht nach meinem wie Ihrem Geschmack, aber als Kulturstadtrat muss ich neben dem Blick auf sozialdemokratische Ansätze auch die Vielfältigkeit des Angebots sicherstellen. Und ich möchte das auch.

STANDARD: Sie verteidigen den Mitteleinsatz für Oper im Theater an der Wien. 2007 musste jeder Eintritt mit 284 Euro subventioniert werden, was "Österreich" als "absurd hohe Summe" bezeichnete.

Mailath: Diese Zahl kenne ich nicht. 2006, im ersten Jahr, lag sie bei 222 Euro. Auch diese Zahl ist hoch, keine Frage, aber vergleichbar hoch mit anderen Opernhäusern. In Berlin liegt die entsprechende Kennziffer bei 200 Euro.

STANDARD: In der Staatsoper liegt der Zuschuss bei 90 Euro - die anteiligen Subventionen für die Bundestheaterholding schon inkludiert.

Mailath: Die beiden Häuser lassen sich nicht vergleichen. Die Staatsoper ist ein Repertoirebetrieb. Die Entscheidung fiel ganz bewusst auf einen Staggionebetrieb. Was dazu führt, dass das Theater an der Wien nur ein Drittel der Staatsopernsubvention bekommt, aber doppelt so viele Premieren hat. In den vergangenen zwei Jahren gab es sehr viele hervorragende Kritiken.

STANDARD: Der Staggionebetrieb wurde gewählt, weil er billiger sei. Tatsächlich kommt er aber weit teurer. Weil nur 50 oder 60 Opernvorstellungen pro Jahr gespielt werden. Die Staatsoper hingegen bestreitet sechsmal so viele: an die 300.

Mailath: Ich will jetzt darüber nicht streiten. Ich habe zusammen mit dem Bürgermeister und dem damaligen Finanzstadtrat die Entscheidung getroffen - und stehe dazu: Für den Musikstandort Wien ist dieses Theater eine Bereicherung und eine Heimstatt für Künstler. Nikolaus Harnoncourt dirigiert nirgendwo mehr Oper, nur mehr im Theater an der Wien.

STANDARD: Bei der styriarte dirigiert Harnoncourt sehr wohl Oper: "Idomeneo" hat am 1. Juli Premiere.

Mailath: Na gut. Ich meine trotzdem: Das Geld ist gut investiert.

STANDARD: Stichwort Investitionen: Sie fördern das Cajetan-Felder-Institut wieder mit 30.000 Euro. Die Grünen sind erbost: Es handelt sich um eine FPÖ-Vorfeldorganisation. Ist die Höhe gerechtfertigt?

Mailath: Sonst hätte ich den Akt nicht unterschrieben. Ich verbuche das unter Förderung der Pluralität der wissenschaftlichen Einrichtungen, so sie sich im Rahmen des demokratischen Verfassungsbogens bewegen. Dass ich Hilmar Kabas unterstütze: Das werden Sie mir nicht unterstellen können.

STANDARD: Andere bekommen wenig oder nichts. Und beim Künstlerhaus wird nur das Dach repariert.

Mailath: Ich habe schon vor Jahren Bereitschaft signalisiert, ein Drittel der Gesamtkosten zu übernehmen.

STANDARD: Aber nur, wenn auch der Bund ein Drittel bezahlt.

Mailath: Es ist ja nicht zugesperrt! Das Künstlerhaus macht nach wie vor sehr gute Ausstellungen.

STANDARD: Wäre es nicht gescheiter gewesen, die 1,35 Millionen, die Sie in das seit zwei Jahren geschlossene Vindobona gepumpt haben, fürs Künstlerhaus zu verwenden?

Mailath: Mir war es wichtig, eine Kabarettbühne zu erhalten. Dass der Betreiber am Umbau gescheitert ist: An der Lösung des Problems arbeiten wir. Ich möchte, dass wieder Kabarett gespielt wird.

STANDARD: In nächster Nähe hätte ein Filmkulturzentrum gegründet werden können. Aber der Bund als Eigentümer des Augartens entschied zugunsten eines Gebäudes für die Wiener Sängerknaben. Wien wollte andere Standorte anbieten.

Mailath: Wir haben die Donauplatte angeboten! Aber dieser Standort wurde abgelehnt. Ich weiß nicht, was an diesem so schlecht sein soll.

Mehr, als meine Bereitschaft zu signalisieren, ein Filmkulturzentrum zu unterstützen, und auch noch einen Standort für dieses anzubieten, kann ich nicht machen.

STANDARD: Im Gemeinderat wurde der Antrag der VP, die Mittel für den Filmfonds Wien um 50 Prozent zu erhöhen, mit den Stimmen von SP, FP und Grünen abgelehnt - unmittelbar nach dem Oscar für "Die Fälscher" und den Ankündigungen der Politik, dem Film zu helfen.

Mailath: Weil der Vorschlag unseriös war. Die Gnade der Opposition ist, dass sie nicht dazuschreiben muss, wie er zu finanzieren ist. Selbstverständlich arbeiten wir an einem Paket zur Weiterentwicklung der Filmförderung. Die genauen Zahlen werde ich in absehbarer Zukunft bekanntgeben. (Ronald Pohl, Thomas Trenkler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 4. 2008)