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Ordination Berggasse 19: Sigmund Freud kurz vor seiner Emigration nach London im Juni 1938.

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Gestörte Beziehung zwischen Couch und Kasse aus Sicht des Karikaturisten - Exponat der Vorjahrsausstellung "On the Couch" aus dem "New Yorker" im Wiener Freud-Museum.

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Das offizielle Österreich vermarktet und feiert Sigmund Freud und die Psychoanalyse. Das Außenministerium zum Beispiel organisierte im Sigmund-Freud-Jahr 2006 weltweit über 200 Veranstaltungen, von Mexiko über den Iran bis nach China. Alle österreichischen Kulturforen wurden dabei symbolisch am Geburtstag Freuds in "Sigmund Freud Institute" umbenannt. Auch andere Daten aus der Geschichte der Psychoanalyse finden wieder Beachtung. Mit einer Erinnerungstagung im Salzburger Hotel Bristol wurde an diesem Wochenende des vor genau hundert Jahren dort veranstalteten ersten internationalen psychoanalytischen Kongress gedacht. Lokale Medien berichten und der Bürgermeister drückt den Stolz der Stadt darüber aus.

Dieser späte Stolz des offiziellen Österreich tut gut. Sehen wir ihn als angemessene Reaktion nicht nur auf die geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse, sondern auch auf die zwei bislang erfolgreichen Vertreibungen aus Österreich. Die erste erfolgte durch den Nationalsozialismus und die erzwungene Emigration der Gründergeneration. Die zweite Vertreibung fand durch die junge Zweite Republik statt, indem man die Vertriebenen im Exil nie zur Heimkehr einlud oder ermunterte. - Zu Recht wird dies heute als empörend empfunden und auch entsprechend öffentlich formuliert.

Trügerischer Eindruck

Daraus abzuleiten, dass das heutige Österreich nicht nur Stolz und Wertschätzung für seinen "großen Sohn", Sigmund Freud, empfindet, sondern auch für das von ihm begründete Verfahren, die Psychoanalyse, wäre allerdings trügerisch. Aktuell ist die dritte Vertreibung der Psychoanalyse im Gange. Diesmal aus dem österreichischen Gesundheitswesen.

Die Methoden sind dabei nicht Gewalt und Terror, sondern bürokratische Schikanen und der Entzug finanzieller Mittel. Vorarbeit leistete die Salzburger Gebietskrankenkasse. Sie brach ein Tabu, indem sie die Psychoanalyse - eine in Österreich gesetzlich anerkannte psychotherapeutische Heilmethode - de facto aus ihrem Leistungskatalog strich. Unabdingbare Voraussetzungen einer psychoanalytischen Behandlung wie mehrstündige wöchentliche Frequenz und mehrjährige Dauer werden nicht mehr anerkannt. Es geht dabei ohnehin nur um finanzielle Zuschüsse durch die Kasse. Das heißt, den größeren Teil der Behandlungskosten zahlen die Versicherten selbst. Auch die nötige Zeit und das Engagement müssen diejenigen aufbringen, die sich einer psychoanalytischen Behandlung unterziehen, und das tut niemand ohne innere Not.

Mangels eines verbindlichen Österreich-weiten Gesamtvertrages für Psychotherapie stellen sich die Bedingungen für Patienten und Psychoanalytiker/innen in allen Bundesländern unterschiedlich dar. In Wien ist die Situation noch am besten, in Salzburg am schlechtesten. Die Tendenz aber ist in allen Bundesländern ähnlich. Es wird nach unten, in Richtung des "Salzburger Sparmodells" nivelliert. Eine Sicherheit besteht nicht einmal in Wien, wo bald wieder Neuverhandlungen zwischen den psychoanalytischen Vereinigungen und der Wiener Gebietskrankenkasse anstehen.

Notwendiges Sparen in Zeiten explodierender Kassen-Defizite? Dazu nur eine Zahl. Die Ausgaben für Psychoanalyse im österreichischen Gesundheitswesen sind so gering, dass sie nicht einmal eruiert und in den Statistiken angeführt werden. Die Ausgaben für Psychotherapie insgesamt betragen laut Auskunft des Hauptverbandes lediglich 0,2 Prozent der Gesamtaufwendungen aller sozialen Krankenversicherungen.

Viel besser ist die Situation etwa in Deutschland. Dort gibt es einen verbindlichen Gesamtvertrag. Die Psychoanalyse ist nicht nur als Heilmethode anerkannt. Die Krankenkassen bezahlen auch mehrjährige, klassische psychoanalytische Behandlungen mit mehreren Sitzungen pro Woche.

Falsche Versprechungen

Die Seele ist ein weites Land. Sie hat viele Schichten und nicht wenige Störungen, und Leidenssymptome wurzeln unter der Oberfläche des bewussten Verstehens. Dieser Gedanke steht im Gegensatz zur vorherrschenden Tendenz, die menschliche Existenz monokausal zu betrachten. Eine "Wunder"-Diät, ein Übungsprogramm, eine Gententschlüsselung, oder eine neue Kurztherapie suggerieren, dass es Abkürzungen im Umgang mit der Komplexheit der Seele gibt.

Ja, Psychoanalyse ist ein langwieriges Verfahren. Sie passt nicht zu den so ersehnten schnellen Heils- und Glücksversprechen von Wochenendseminaren. Sie passt auch nicht zum Gebot des "Schneller" und "Billiger". Psychoanalyse lässt sich nicht so einfach mechanisieren, quantifizieren und messen. Aber Geduld, Beziehung, Dialog, Zuhören und das gemeinsame Durcharbeiten von tiefsitzenden unbewussten Konflikten sind auch nach ökonomischen Kriterien "effizient". Die Forschung über Wirkfaktoren im psychoanalytischen Prozess belegt nicht nur eine höhere Patientenzufriedenheit bezüglich des Therapie-Erfolges, sondern auch weniger Medikamentenverbrauch, weniger psychosomatische Beschwerden und insgesamt mehr Autonomie, Lebenskraft und Beziehungsfähigkeit. Psychoanalyse wirkt umfassender und dauerhafter als kürzere Verfahren. Nicht jede Symptomatik und nicht jede Person kann von ihr profitieren.

Aber da, wo sie ihren Platz hat, ist sie unverzichtbar. (Eva Breidenbach-Fronius/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 4. 2008)