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"Was, Sie sind das?", fragte Hans-Heinz Lenze Herrn Josef F., der mittlerweile gestanden haben soll, seine Tochter jahrelang missbraucht und mit drei ihrer Kinder in ein Verlies gesperrt zu haben. "Es tut mir alles so leid", habe der 73-Jährige geantwortet. "Da kommen S' aber spät drauf", hat der Bezirkshauptmann darauf gesagt.

Als Lenze Samstagabend von dem grausamen Inzestverbrechen in seiner Bezirkshauptstadt erfahren hat, sei er sich "wie in einem schlechten Traum vorgekommen". Es sei "erschütternd und bedauerlich".

Seit die Tat öffentlich bekannt ist, läuten Lenzes Mobil- und Festnetztelefon im Minutentakt. Der 64-Jährige absolvierte am Montag nach vier Stunden Schlaf einen Interviewmarathon. Ausdauer hat der dreifache Familienvater vom Skilanglauf und Radfahren. "Aber eine gute Kondition hat nichts mit einem guten Nervenkostüm zu tun", seufzt er.

Ruhige Nerven kann er jetzt brauchen. Denn auf seinem Schreibtisch liegt ein Stapel Akten, deren Inhalt die Öffentlichkeit brennend interessiert. Lenze sagte Montagmittag, er habe bisher kaum Gelegenheit gehabt hineinzuschauen.

Die Dokumente sollen Aufschluss darüber geben, wie die Adoption eines Kindes und die Aufnahme zweier Pflegekinder in die Familie F. vor sich gegangen sind. Warum hat die Jugendwohlfahrt nichts von Josef F.s Doppelleben bemerkt? Hätte sie etwas ahnen können? Was war los, als das Hauptopfer Elisabeth F. als 16-Jährige von zu Hause ausgerissen ist? Die Mutter machte damals eine Vermisstenmeldung. Die Jugendliche kam wieder zurück und lebte weiter unter dem Dach mit ihrem Peiniger, der sich schon damals fünf Jahre lang an ihr vergangen haben soll. "Wenn es nur den leisesten Verdacht auf Missbrauch gegeben hätte, dann wäre etwas unternommen worden", sagt Lenze.

Seit 1994 ist er Bezirkshauptmann. Wie es für ihn ist, ein Jahr vor der Pensionierung noch mit diesem schwerwiegenden Fall konfrontiert zu sein? "Wissen Sie, in meinem Beruf war es mir immer am wichtigsten, Menschen zu helfen", sagt der Hobby-Angler, der sich beim Roten Kreuz engagiert.

Helfen wollte er auch vor wenigen Tagen, als bekannt wurde, dass die 19-jährige schwerkranke Kerstin aus der Familie F. stammt. Sofort habe er den Betroffenen ein Kriseninterventionsteam geschickt. "Ich weiß noch", sagt Lenze, "wie Herr F. dann zu mir gekommen ist und sich mehrmals für die große Hilfe bedankt hat. Es ist alles unfassbar." (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2008)