Einkehrschwung in Plovdiv: Die Schopen waren rund um Sofia beheimatet, ihre Salatkreation ist überall beliebt.

Foto: Barbara Maier
Vor Sofia beginnt eine wahre Berg- und Talfahrt. Die Straße ist durchzogen von Löchern, Rissen, Mulden. Die bulgarische Hauptstadt gleicht einer einzigen Baustelle. Die Kolonne wird immer dichter, der Verkehr kommt fast zum Stocken. Die Hunde am Straßenrand werden immer mehr - wie in der Erzählung von Max Bläulich "Die Hunde von Plowdiw". "Praktiker"-Märkte und Zeltverleiher säumen dicht an dicht die Straßen.

Die schönste Stadt Bulgariens

Dann endlich aber, nach fünfzehn Jahren, Plowdiw. Genau über diese Stadt - "die schönste Bulgariens" - haben wir so oft schon gesprochen, Valeria Jäger (die allzu früh Verstorbene), Fedja Filkova und Emil Stojanov. Und wir haben mit dem "Europa erlesen: Plovdiv"-Band diese Stadt besungen, sogar Elke Heidenreich hat es gehört.

In Emils Lieblingslokal bestellen wir Rakia, Bier und Sopska salata. Der Rakia wird in Achtelliter Weingläsern serviert, der herrlich erfrischende Salat aus gewürfelten Gurken, geachtelten Tomaten und in Ringe geschnittenen Zwiebeln auf großen Tellern, bedeckt von viel geriebenem, frischem Schafskäse. Alles wird am Tisch nach Bedarf gesalzen, mit Olivenöl und Essig abgemacht. Zum Salat und den nun folgenden Meze (Vorspeisen) trinke man Rakia, den Wein später zum Fleisch, weist uns Emil Stojanov ein, Verleger und Direktor des Nachrichtensenders TVeurop.

Salat von den Schopen

Sopska salata, den wir seit je und mit Genuss in Serbien, in Bosnien und auch Slowenien gegessen haben, hatten wir bisher als "typisch jugoslawische" Speise eingeschätzt, eng verwandt mit dem griechischen Salat, der jedoch mit Feta-Käse in groben Stücken bestreut wird. Bis dato war uns nicht klar, woher sein Name kommt. Umso mehr überrascht Emils Aussage: von den Schopen, die in der Gegend um Sofia leben. Die Schafhirten hatten Käse und Gemüse zur Genüge und brachten sich damit über die Sommermonate. In Dalmatien, weiß Zivko Skracic in seinem Buch "Artischockenherzen und Mandelkern" zu berichten, aßen die Bauern täglich nur eine Faust Mandeln zur schweren Arbeit und tranken dazu Wein.

Genaue Recherchen ergeben, dass die Schopen von Sofia bis Nis, das Morava-Tal bis Skopje und von Kumano den Fluss Kriwa entlang bis nach Kjustendil und nach Skopje siedeln, wetterfeste Überwürfe aus Schafsleder nähen und bis heute eine Liedtradition, das zweistimmige Trillern der Frauenstimmen, pflegen. Sie sprechen einen bulgarischen Dialekt, "den aber niemand versteht", meint die Verlegerin Nadya Furnadzieva. Übrigens: Çopan heißt Hirte auf Türkisch, entsprechend wird dort der Salat in der gleichen Form Çopansalat genannt. Die Schopenregion ist heute durch Grenzen geteilt: Bulgarien, Serbien, Makedonien. Geschenkt haben sie uns einen Salat, gekrönt von Rakia.

Der fehlende siebte Hügel

Den nächsten Tag verbringen wir mit den Chefinnen des Lettera-Verlages, Mutter Nadya und Tochter Zvetelina in der Altstadt auf einem der sechs verbliebenen Hügeln von Plowdiw. Den siebenten Hügel haben die Städtebauer zur Gänze abgetragen, um die Straßen zu pflastern und gegen Ende der Osmanischen Herrschaft große Bürgerhäuser zu errichten. "Wiedergeburt" wird diese Zeit genannt und darauf bauen die Bulgaren. Nadya empfiehlt uns neue Literatur mit alten Helden. Alexandr Tomovs "Der Kult des Orpheus" zum Beispiel. Er erzählt die wilde Geschichte des Sängers Orpheus, der hier in den Rhodopen lebte und mit 33 Jahren von den Frauen zerstückelt wurde. Kopf und Lyra landeten im Fluss Mariza und sind vom Wasser bis zum Meer und zur Insel Lesbos getragen worden, wo sie seither als Legende leben. (Lojze Wieser/Barbara Maier/Der Standard/Printausgabe/29/04/2008)