Durchaus überraschende neue Details zum Kriminalfall tauchten Montagabend beim „Runden Tisch“ des ORF auf. Demnach sind die Behörden offenbar nicht erst durch die Aussagen der 42-jährigen Elisabeth F. Samstagnacht auf ihren Vater als Tatverdächtigen gestoßen. Schon Donnerstag hatte die Polizei eine DNA-Probe von Josef F. verlangt. Die rätselhafte Krankheit, mit der die 19-Jährige Enkelin rang, die angeblich auf seiner Türschwelle abgelegt worden war, warf laut dem niederösterreichischen Sicherheitsdirektor Franz Prucher „sehr viele Fragen auf“: „Es war bald klar, dass im Fall ihrer Mutter mehr dahinter steckt als Abgängigkeit.“ Josef F., der sich zuvor äußerst kooperativ gezeigt und bei Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze „herzlich für die Hilfe bedankt hatte“, reagierte abwehrend auf den Wunsch nach einer DNA-Probe und wollte erst seinen Anwalt kontaktieren. „Das kam uns eigenartig vor“, sagte Lenze Montagabend. Der Aufruf via Medien an die Mutter, sich zu melden, habe „den Druck noch erhöht“.

Lenze und Prucher schlossen bei der Diskussion mögliche Vesäumnisse von Behörden im Fall des Verschwindens von Elisabeth F. aus. Man habe vom Gesundheitsministerium über das Standesamt bis hin zum Wohnsitz-Finanzamt immer wieder Nachforschungen angestellt – die Frau sei verschwunden geblieben, dazu sei gekommen, dass es dem Tatverdächtigen „perfekt gelungen ist, alle zu täuschen“ (Lenze).

Inzest „kein Thema“

Die Psychologin Rotraud Perner stützte diese These. Perner erklärte, der Tatverdächtige habe wohl eine Form von Despotismus ausgeübt, der jegliches Nach- und Hinterfragen für alle Beteiligten fast unmöglich gemacht habe. Zudem habe man sich in Österreich erst in den 90er-Jahren mit dem „Problem Inzest“ ernsthaft beschäftigt. In den 80er-Jahren, als Elisabeth F. verschwunden war, sei „kein Mensch auf die Idee gekommen, einen Inzest-Fall dahinter zu vermuten“. Der Anwalt der Opfer, Christoph Herbst, sagte, er hielte es für „verfehlt, wenn jetzt einer auf den anderen losgeht“. Das helfe den Opfern nicht, mit ihrer Situation fertig zu werden.

In der ZIB 2 betonte der Kriminalpsychologe Thomas Müller die „außergewöhnliche Fähigkeit des Tatverdächtigen, mögliche Belastungen zu antizipieren“. Indem er seine Tochter gezwungen habe, Briefe zu schreiben, in denen sie bat, nicht gesucht zu werden, habe er schon mögliche Zweifel an seiner Version zu ihrem Verschwinden im voraus beseitigen können. Nur der Gerichtspsychiater Reinhard Haller sagte, es sei „schon ein Problem in der Kriminalistik, dass man nicht mit dem Unwahrscheinlichsten rechnet“ – selbst, wenn man davon ausgehen müsse, dass „wir es mit einem genialen Verbrecher zu tun haben“. Auf die Frage, ob die Opfer je wieder „normal“ leben werden können, zeigten sich alle Experten skeptisch. Perner empfahl, „dass alle, die sie betreuen, einig sind, wie sie behandelt werden und nicht miteinander konkurrieren“. Man müsse den Opfern „ein Erklärungsmuster für die Welt anbieten – wenn sie auch schrecklich ist“. (DER STANDARD; Printausgabe, 29.4.2008)