So einen wie ihn kann sich jeder moderne Politiker nur wünschen. Denn Josef Haring würde sich hüten, auch nur ein Wort der Klage laut werden zu lassen. Und wenn ihn ein Zeitungsschreiber besucht, dann erst recht, denn dann sammelt er all die medialen Unglaublichkeiten der letzten Zeit zum festen Entschluss, sich lieber die Zunge abbeißen zu wollen, bevor er tut, was unlängst von Politikerseite auf einen so präzisen Begriff gebracht wurde: sudern.

Im Oktober des heurigen Jahres wird Josef Haring 60, und er hat, wie man so sagt, sein Lebtag lang gehackelt. Und weil das so ist, wäre heuer eigentlich sein Pensionsantritt fällig. Haring freilich ist, kann man sagen, in die Bildungsfalle getappt. Er hat die fünfklassige Volksschule besucht und danach erst die Hauptschule. Also fehlt ihm ein Jahr, das er nun noch abdienen muss.

Und kann. "Ich spür noch nichts, ich hab Glück gehabt", sagt der zum Meister ausgebildete Tischler. Bandscheiben in Ordnung, für eine allfällige Staublunge war er wohl zu kurz nur in der Werkstatt. Selbst alle Finger hat er noch. Auch wenn er zu jedem einzelnen eine Verletzungsgeschichte erzählen könnte: Für einen Tischler ist die Fingerzahl zehn schon allerhand.

123 Euro Abschlag - pro Monat

Dass so was - mit 60 immer noch ordnungsgemäß hackeln zu können - nicht selbstverständlich ist, weiß Josef Haring aber auch. Unlängst musste sich seine Frau einer Hüftoperation unterziehen. Da hätte man sich dann schon erkundigt wegen einer eventuellen Frühpensionierung. "123 Euro wäre der Abschlag gewesen." 123 Euro pro Monat, also 14 Mal, also "ist das schon ein schöner Urlaub". Nach der Rekonvaleszenz geht sie also wieder in die Fabrik. Ein halbes Jahr.

"Wegen nur einem halben Jahr", sagt Josef Haring und lässt offen, ob dieser Satz vom Mitgefühl für die Gattin oder vom Grant über die Haftelmacherei der Pensionsversicherung unterlegt werden soll.

Es mag sein, dass Josef Haring nicht ganz typisch ist für den vom Arbeitsleid gebeugten Hackler. Untypisch allerdings ist er auch nicht. Immerhin ist die Bilanz, die über insgesamt 45 Jahre gelegt wird, eine Lebens-, und nicht bloß eine Arbeitsbilanz. Da ist das geräumige Einfamilienhaus im burgenländischen Schattendorf. Da sind die zwei g'radgewachsenen, nun selbst schon längst erfolgreich im Berufs- und Sozialleben stehenden Söhne. Und da sind die vielen, die er kennt, deren Lebensbilanz das Sudern durchaus nahelegen könnte. "Nein, passt schon", sagt Josef Haring also. Fast zumindest.

"Der Stress ist schon ungeheuer geworden"

Der Zeitungsschreiber will, weil eine Zeitung so was braucht zum Schreiben, wissen, was den Josef Haring besonders anzipft in der Arbeit, die er nun ein Jahr noch abzudienen hat. Da lacht er und meint: "Naja, eigentlich ...", und meint dann doch: "Naja: der Stress ist schon ungeheuer geworden." Die vergangenen Jahre war er "auf Montage", hauptsächlich in Wien: Gemeindebauten, Genossenschaftshäuser, Hotels. "Da fangen wir an, aber eigentlich sollten wir schon fertig sein. Der Druck ist enorm."

Früher seien die Dinge eher gewachsen. "Der, der in der Werkstatt die Sachen gemacht hat, hat sie auch montiert." Jetzt ist es beinahe umgekehrt, nämlich: zackzack. Die Werkstatt produziert, die Monteure montieren. Selbst den Lehrbuben wird es unmöglich gemacht, ein Werkstück vom Anfang bis zum Ende mitzuverfolgen. Einer wie Josef Haring merkt das natürlich: "Die Jungen können viele Dinge einfach nicht mehr." Mehr noch: "Können sie gar nicht können." So sehr sind auch sie schon im Radl.

Dass einst ein Karl Marx dieses Radl "Entfremdung" genannt hat, mag sein. Josef Haring ist das eher wurscht. "Mit Politik hab ich nichts am Hut."

Aber das hat er - so ließe es sich ein wenig bösartig sagen - mit den meisten Politikern gemein. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2008)