1990 ging in Namibia eine 106 Jahre währende Kolonialzeit zu Ende. 31 Jahre davon unter deutscher, der Rest unter südafrikanischer Herrschaft.

"Ich hörte kürzlich, dass Sie eine faschistische Regierung gewählt haben..." Mit diesen Worten begrüßte Namibias Präsident Sam Nujoma im Jahr 2000 JournalistInnen aus Österreich. Der Sturm der Entrüstung war ebenso gewiss wie die Konsequenzen: Obwohl Namibias Politiker versuchten, die Aussagen ihres Staatsoberhauptes abzumildern, konnten sie deren Nachwirkungen nicht mehr verhindern.

Die österreichische Regierung überprüfte die Entwicklungszusammenarbeit (EZA) mit Namibia und bewertete sie neu. Eine weitreichende Folge davon: Die Beiträge der EZA sanken von 27 Millionen Schilling (im Jahr 1999) auf 6,3 Millionen (2003). In den folgenden Jahren liefen Projekte aus oder wurden nicht mehr verlängert. Ganz im Gegensatz dazu verlaufen die wirtschaftlichen Kooperationen - Namibia gehört mittlerweile zu den sieben wichtigsten Handelspartnern auf dem afrikanischen Kontinent.

Dies und noch mehr erfährt man in "Wien – Windhoek retour. 150 Jahre Beziehungen zwischen Österreich und Namibia". Das Buch bietet einen ausführlichen Überblick über die abwechslungsreiche Geschichte der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Es beinhaltet ferner interessante Detailstudien, wie etwa von Alexander Schober zur Berichterstattung in Wiener Tageszeitungen über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Herero.

Informeller Imperialismus

Mit dem ungarischen Welterkunder Laszlo Magyar und dem Kärntner Botaniker Friedrich Welwitsch (nach ihm ist die Pflanze "Weltitscha mirabilis" benannt, die heute das Wappen der Republik Namibias ziert) begann vor rund 150 Jahren die Geschichte der Beziehung zwischen den beiden Ländern. Im ersten Kapitel zeigt Walter Sauer, Herausgeber des Bandes, dass sich die Positionen des offiziellen Österreich kaum von den jeweils vorherrschenden Trends des globalen Nord/Süd-Verhältnisses unterschieden haben bzw. unterscheiden. Zu den Strömungen zählt beispielsweise die Vorherrschaft der neoliberalen Marktwirtschaft ebenso wie das gemäßigt kooperative Verhalten gegenüber Namibia in Zeiten der Blockfreienbewegung. Und nicht zu vergessen die Rolle der Abenteurer, Missionare oder Wissenschafter der Monarchie an der kolonialen Inbesitznahme.

Auch wenn Österreich-Ungarn in Afrika nie Kolonien besaß, so verhielten sich die Staatsmänner der Monarchie im Einklang mit den europäischen Staaten und somit ganz im Sinne einer aggressiven Expansionspolitik. Und neben den Missionaren beteiligten sich auch österreichisch-ungarische Abenteurer und Forscher an den Reisen in Afrika - wenngleich unter dem Banner Deutschlands, Portugals oder Belgiens.

Zu Ruhm brachte es zum Beispiel der österreichische Anthropologe Rudolf Pöch mit seinen umfangreichen Schädel- und Skelettsammlungen. Neuen Erkenntnissen zufolge dürfte der "Rassenkundler" in Afrika hingegen als einer der bedeutendsten und berüchtigtsten ausländischen Knochenkäufer gegolten haben.

Weiße Minderheit

"Meine Heimat ist Österreich, zu Hause bin ich hier" – viele MigrantInnen fühlen sich noch immer an Österreich gebunden, auch wenn sie schon lange in Namibia leben, lautet das Fazit von Manuela Macala. In ihrem Beitrag über Emigration nach Namibia schildert sie die unterschiedlichen Phasen und Beweggründe für die Einwanderung von ÖsterreicherInnen im 20. Jahrhundert – angefangen von Abenteuerlust über ökonomische und politische Anlässe bis hin zur "Bekehrungsarbeit" der Missionare. Auf die Rolle der deutschen Sprache wird ebenso eingegangen wie auf die veränderte Situation der weißen Minderheit nach der Unabhängigkeit 1990.

Die insgesamt vier großen Kapitel zeigen in spannender und ausführlicher Weise ein bislang weitgehend missachtetes Stück "Afrika-Geschichte" Österreichs. Dass dabei auf eklektizistische Methodenvielfalt, wie sie im Kontext von postkolonialen Studien häufig Anwendung finden, verzichtet wurde, erfrischt. Diskursanalyse, Aktenstudium oder "Oral History" sind einige der in diesem Band vorherrschenden Methoden.

Zudem ist der neunte Band der Studien zum Südlichen Afrika mit umfangreichen Fußnoten und weiterführenden Anmerkungen versehen. Lediglich ein paar Illustrationen oder Abbildungen hätten dem - wenngleich durchaus leserfreundlichen - (zweispaltigen) Layout noch etwas Auffrischung verliehen. (red)

>>> Walter Sauer (Hg.), "Wien - Windhoek retour. 150 Jahre Beziehungen zwischen Österreich und Namibia" (Studien zum Südlichen Afrika 9, Wien 2008).