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Die Polizei setzt bei ihrer Arbeit im Amstettener Inzestfall auf einen neuen Blickwinkel. Eine spezielle Kamera soll dabei helfen.

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Viele Fragen sind rund um den Inzestfall in Amstetten noch offen, zumindest einen Teil davon wollen die Ermittler jetzt mithilfe moderner Technik beantworten. Geplant ist, in den kommenden Tagen dreidimensionale Aufnahmen des gesamten Tatorts - sowohl vom Haus als auch von den unterirdischen Verliesräumen - anzufertigen. Die entsprechenden Bilder werden mit einer Spezialkamera gemacht. "Davon gibt es in Österreich nur ein Stück", erläutert Helmut Greiner, Sprecher des Bundeskriminalamts (BK), im Gespräch mit dem STANDARD.

Durch die Aufnahmen sei es dann möglich, einen "genauen Überblick" über das gesamte Objekt zu erlangen. "Es lässt sich dann feststellen, wo etwas zugebaut wurde oder wo möglicherweise noch versteckte Leitungen laufen. Wir haben aus dem Fall Kampusch sehr viel gelernt", erläutert Greiner. Insbesondere die Frage nach versteckten Zugangsleitungen zum Verlies im Keller ist brisant. Die 42-jährige Elisabeth F., die dort 24 Jahre von ihrem Vater eingesperrt und missbraucht worden sein soll, gab bei einer ersten Vernehmung an, der 73-Jährige habe ihr gegenüber behauptet, dass für den Fall, dass ihm etwas zustoße, Gas in das Verlies strömen würde. Diese Drohung wäre möglicherweise eine Erklärung dafür, warum die Gefangenen nie wagten, den Mann zu überwältigen. "Hinweise darauf haben wir bis jetzt aber nicht gefunden. Entsprechende Gaszuleitungen sind im Verlies zumindest auf den ersten Blick nicht zu erkennen", so Greiner.

Neben Zeichnern und Vermessern sind derzeit auch sechs Elektronikspezialisten des BK im Haus in der Ybbsstraße am Werk. Immer noch gibt nämlich jene 300 Kilo schwere Tür, mit der das Verlies verschlossen war, der Polizei Rätsel auf. Die Tür war mit einem elektrischen Öffner versehen, der mittels einer Fernsteuerung "älterer Bauart" zu öffnen war.

Keine Mittäter

Gegenüber der Polizei gab Josef F. an, die elektronische Tür hätte sich nach einer bestimmten Zeit selbstständig geöffnet. "Er sagte, dass die Türe dann mit einem im Verlies befindlichen Werkzeug von innen zu öffnen gewesen wäre", sagte Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich. Dem 73-Jährigen sei es durchaus möglich gewesen, den Einbau allein zu erledigen, sagt Polzer und schließt damit Mittäter aus. Spekulationen, dass die Ehefrau vom Verlies im Haus wusste, bezeichnete Polzer als "unfair".

Wie perfekt der mutmaßliche Täter plante, zeigt auch ein Anruf, im Zuge dessen sich der Verdächtige als die damals in einer Sekte vermutete Tochter ausgegeben haben soll. Josef F. habe 1994 seine Frau mit verstellter Stimme angerufen und sich als Elisabeth ausgegeben, sagte der Ermittler Reinhard Nosofsky der Nachrichtenagentur Reuters. Rosemarie F. sei der Anruf seltsam vorgekommen. Sie habe ihn bei der Polizei Amstetten gemeldet, berichtete Nosofsky. Diese informierte die Staatsanwaltschaft, ging dem Hinweis jedoch nicht weiter nach. "Sie hatte keinen Grund, das Haus zu durchsuchen oder anzunehmen, dass Elisabeth im Keller war", ist der Ermittler überzeugt.

Ermittlungen, ob Josef F. in einem Zusammenhang mit einem ungeklärten Sexualmord in Oberösterreich stehe, seien derzeit "sekundär", sagte Polzer. Auch die Vorwürfe einer Linzerin, die in einem Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten angab, 1967 von F. vergewaltigt worden zu sein, werde man "zu einem späteren Zeitpunkt" überprüfen. Josef F. hat zu diesen Vorwürfen bis dato nicht Stellung genommen.

Polzer: Keine Hinweise auf Mitwisser

Es gebe weiterhin keinerlei Hinweise auf Mittäter, betonte Polzer am Donnerstag. Spekulationen, dass die Ehefrau des 73-Jährigen Josef F. von dem Verlies im eigenen Haus wusste, in dem ihre Tochter 24 Jahre lang gefangen war und sieben Kinder vom eigenen Vater zur Welt brachte, bezeichnete der Kriminalist als unfair gegenüber der 68-Jährigen. "Das ist eine Sache, die sich nicht in das normale Denkvermögen einfügen lässt", meinte Polzer.

Urlaubs-Video

Das Video eines Münchners, das Josef F. laut Medienberichten bei einem Thailand-Urlaub zeigt, befindet sich noch nicht im Besitz der Ermittler. "Das hat für uns aber gar nicht oberste Priorität", sagte Polzer. "Wenn der Verdächtige vielleicht für zwei Wochen nicht anwesend war, hätte das angesichts der Ausstattung des Kellers mit Vorräten und Kühlschrank nicht bedeutet, dass die darin lebenden Menschen nicht mit Nahrungsmitteln versorgt gewesen wären. Eher wäre ein Stromausfall eine Gefahr gewesen", meinte der KA-Leiter.

Über das Motiv von Josef F., vor geraumer Zeit die Rückkehr der scheinbar vermissten Elisabeth in Aussicht zu stellen, könne man nach wie vor nur spekulieren, meinte Polzer. "Vielleicht wurde dem 73-Jährigen bewusst, dass er die Sache nicht ewig weiterführen kann, vielleicht hat er gespürt, dass seine Kräfte nachlassen. Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass er parallel in einer zweiten Welt lebte und drei Kategorien von Angehörigen hatte: Seine Frau und die erwachsenen Kinder mit ihr, seine Tochter und die Kinder im Keller, und die kleinen Kinder mit der Tochter, die 'oben' lebten. Er war ein Zerrissener, es war ein Wechselbad der Gefühle. Vielleicht war ein Funken Menschlichkeit in ihm."

Nach der Einlieferung der 19-jährigen lebensgefährlich erkrankten Tochter ins Spital und dem Aufruf an die bis dahin nicht auffindbare Mutter, sich zu melden, waren die Kriminalisten offenbar bereits davon ausgegangen, dass in der Darstellung von Josef F. einiges nicht stimmte. Der 73-Jährige wollte das Mädchen samt einem Schreiben seiner Mutter ja im Haus entdeckt haben. Polzer: "Es schien unwahrscheinlich, dass die Mutter das Mädchen allein dorthin geschleppt hat, da waren Mithelfer notwendig. Das hat nicht ins Bild gepasst."

Weitere Einvernahmen

In den nächsten Tagen werden weitere Einvernahmen durchgeführt. Parallel dazu wird in Oberösterreich geprüft, ob F. für einen Mord an einer 17-Jährigen im Jahr 1986 infrage kommt. Wann Familienmitglieder befragt werden können, lässt sich laut Polzer derzeit nicht sagen. "Da haben die Ärzte das Wort. Und der Opferanwalt." Auf die Befragung der Kinder werde eventuell verzichtet, meinte der Kriminalist.

Elisabeth F. werde vielleicht Auskunft geben können über das Geschlecht des Babys, das kurz nach der Geburt gestorben und von Josef F. nach dessen Angaben in einem Ofen verbrannt worden war. "Es ist furchtbar, daran zu denken. Der Bruder dieses Kindes hat vor wenigen Tagen Geburtstag gefeiert." Ob sich die Umstände des Todes des Babys noch klären lassen, wird von Kriminalisten bezweifelt. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 2.5.2008/APA/red)