Wien - Ein Fall von der Dimension wie Amstetten erzeuge ein großes Problem: Er gehöre nicht zum normalen Repertoire der Therapeuten, deshalb fehle es an Erfahrungen. So erklärt Michael Peintinger, Lehrbeauftragter für Medizinethik an der Uni Wien, die Situation, vor der die Behandelnden der Opfer stehen. Die Gefahr, dass die Kinder des mutmaßlichen Täters Josef F. aus wissenschaftlichem Interesse "übertherapiert werden" könnten, sieht er jedoch nicht.

Aus den Äußerungen von Berthold Kepplinger, Leiter des Landesklinikums Amstetten-Mauer, in dem die Opfer betreut werden, ließe auf die notwendige "Sensibilität der Behandelnden" schließen. "Wissenschaftliche Eitelkeiten sind keine vorhanden", meint Peintinger, der seit 1996 auch Mitglied der Akademie für Ethik und Medizin in Göttingen ist.

Distanz wahren

Ein Plädoyer für die "professionelle, emotionale Distanz" beim Umgang mit außergewöhnlichen Patienten kommt von der Psychiaterin und Leiterin der Drogenambulanz an der medizinischen Universität Wien, Gabriele Fischer. Mit Bedacht auf nicht zu viel gefühlsmäßiges Engagement könne man mit "Menschen, für die es keine Behandlungsroutine gibt", weil sie 24 Jahre lang im Keller eingesperrt gewesen seien, "oder ihr ganzes bisheriges Leben ohne Außenkontakte verbracht haben, am Besten umgehen.

Und "mit Geduld": Den Betroffenen viel Zeit zu lassen, um sich zurechtzufinden, sei wohl "eine wichtige Dimension der Therapie. In langfristigen Behandlungen gehe es darum, den Kindern Hilfestellungen für ein selbstbestimmtes Handeln anzubieten, ergänzt Peintringer. (bri, ker, DER STANDARD Printausgabe, 3./4.5.2008)