Chronik eines Staates – hinter den Kulissen: Ehud Olmert, bei eher ungewohnter Tätigkeit, Geschirr spülend. Im Hintergrund seine Frau Aliza im Jahr 2006.

Foto: David Rubinger/JMW
Immer, wenn in Israel ein runder Jahrestag anfällt, ist David Rubinger sehr gefragt, denn er ist der Idealtyp eines Zeitzeugen. Mit seinen nunmehr 84 Jahren hat er den historischen Überblick, dazu noch ein ausgezeichnetes Detailgedächtnis, gestützt durch ein diszipliniert geführtes Stichwort-Tagebuch. Vor allem ist Rubinger aber Israels bedeutendster Pressefotograf und hat in seiner 60 Jahre umspannenden Laufbahn alle Kriegsausbrüche und Friedensschlüsse und die meisten Menschen, die die turbulente Region geprägt haben, aus nächster Nähe erlebt.

Für seine Geburtsstadt Wien ist es daher gewissermaßen eine Auszeichnung, wenn Rubinger gerade jetzt, da die Israelis die Gründung ihres Staates vor 60 Jahren feiern, anfliegt, um im Jüdischen Museum am Judenplatz eine Fotoausstellung zu eröffnen. "Es ist eine gute Idee der Museumsdirektion", freut sich Rubinger: "Wir machen 60 Jahre – 60 Bilder, jedes Bild vertritt ein Jahr, aber nicht die bekannten Bilder, sondern so Bilder aus dem Hintergrund." Rechtzeitig vor dem 60-Jahre-Jubiläum hat Rubinger auch eine Autobiografie vorgelegt, geschrieben mithilfe seiner englischen Kollegin Ruth Corman.

Israel durch meine Linse ist eine Parallelgeschichte des jüdischen Staates und des rasenden Fotoreporters. Als Kind war Rubinger in der Wiener Ramperstorffergasse zu Hause, und das Buch enthüllt, was selbst seine engsten Freunde bisher nicht wussten, dass er nämlich ursprünglich den teutonischen Vornamen Dietrich trug und Ditti gerufen wurde. Ganze 15 Jahre war er alt, als er sich mit einer zionistischen Jugendgruppe vor den Nazis nach Palästina retten konnte. Die Mutter blieb zurück und wurde in einem Lager ermordet.

Als Rubinger 21 war, schenkte ihm eine Freundin einen Fotoapparat, und das bestimmte sein weiteres Leben. "In Israels Unabhängigkeitskrieg 1948 habe ich noch mit dem Gewehr geschossen", sagt er, "und in allen späteren Kriegen dann mit der Kamera." Ständig rauschte er zwischen Jerusalem, Beirut, Kairo, Washington hin und her, im Schlepptau hochrangiger Politiker oder auf eigene Faust, im Hubschrauber, als Autostopper oder im gepanzerten Armeefahrzeug, mit Instinkt für die Story.

Wo nahm Rubinger den Mut für solche Reportagen her? "Mut braucht man nicht. Mut im Krieg, Heldentum, das ist für Idioten. Im Großen und Ganzen ist ja jeder Held nur ein Held, weil er sich schämt – du bist im Krieg, mit jungen Soldaten zusammen, und schämst dich, zu zeigen, dass du Angst hast." (Ben Segenreich aus Tel Aviv, DER STANDARD/Printausgabe, 07.05.2008)