Jonathan Franzen oder Zadie Smith zählen zu den begeisterten Lesern ihrer Shortstorys, hier ist sie dank der genialen Übersetzung von Klaus Hoffer erstmals zu entdecken: Lydia Davis.

Foto: David Ignaszewski
Wien – Eine Frau verbringt die meiste Zeit im Haus, ihr Leben richtet sich nach den Bedürfnissen ihres Babys. Zum Höhepunkt des Tages ist es ihr geworden, sich im Fernsehen die Mary Tyler Moore Show anzusehen. Ein trauriges Hausfrauenvergnügen, das sie vor sich selbst dadurch aufwertet, dass angeblich auch Glenn Gould der seltsamen Faszination dieser frühen Sitcom erlegen sein soll. "Ich sehe, wie sich zwei meiner Welten einander annähern, Welten, von denen ich gedacht hätte, sie seinen unvorstellbar weit voneinander entfernt."

"Glenn Gould" heißt diese wunderbare Kurzgeschichte von Lydia Davis, "Der Professor" eine andere, in der die Icherzählerin ihrem universitär geprägten Leben gern über die Beziehung zu einem Cowboy entfliehen würde: "Aber was sollte ein Cowboy schon mit einer Frau wie mir anfangen – einer Englischprofessorin und Tochter eines Englischprofessors und nicht eben locker und ungezwungen?"

Die amerikanische Autorin hat es in der in unseren Breiten viel weniger gepflegten Form der Shortstory zu erstaunlicher Meisterschaft gebracht. Bis auf den 1995 publizierten Roman The End of the Story hat Davis bislang ausschließlich Sammlungen von kurzen Geschichten veröffentlicht – Prosaminiaturen, in denen sie Plots nicht aus Prinzip vermeidet, aber bis auf deren Knochen abnagt. Manche ihrer Texte sind gerade mal einen Absatz lang, ja bestehen überhaupt nur aus einem einzigen Satz.

1947 in Northampton, Massachusetts, geboren, ist Lydia Davis mit ihren Akademikereltern viel herumgekommen. Als Jugendliche verbrachte sie auch ein paar Jahre in Graz. Später folgten dann eigene Wanderjahre, in denen sie als Übersetzerin aus dem Französischen zu arbeiten begann. In diese Zeit fällt auch eine kurze Ehe mit Paul Auster, auch er damals noch Übersetzer.

Wie Auster wird Lydia Davis immer wieder mit dem Etikett "experimentelle Autorin" versehen, das sie jedoch entschieden von sich weist. Mit solchen Texten lassen sich keine Megaauflagen erzielen, aber es lässt sich langsam ein guter Ruf aufbauen. Zu ihren Fans zählen Kollegen wie Jonathan Franzen oder Zadie Smith. Davis hat sich ihr Schreiben jahrzehntelang durchs Unterrichten und Übersetzen (darunter Butor, Proust oder Flaubert) finanziert. Spät, aber doch ist Fast keine Erinnerung das erste Buch von Lydia Davis, das in deutscher Übersetzung erschienen ist. Laut Droschl Verlag sollen weitere folgen. Sollten sie unbedingt. (Sebastian Fasthuber, DER STANDARD/Printausgabe, 07.05.2008)