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Manchmal helfen Wortre nicht mehr weiter, dann muss eben die Wirklichkeit zu Rate gezogen werden: Wolkenturm in Grafenegg von the next ENTERprise Architekten.
(Bild von der Eröffnung im Juli 2007; Foto: APA/Horak)

Foto: APA/Horak

Riklef Rambow: "Im deutschsprachigen Raum ist Bauen kein Teil der Grundbildung."

Mit dem deutschen Architekturpsychologen sprach Wojciech Czaja.

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STANDARD: Wenn Architekten ihre Arbeit erklären, versteht sie entweder niemand oder es will ihnen niemand zuhören. Woran liegt das?

Rambow: Gebäude werden in erster Linie über die Augen wahrgenommen. Nur durch Sprache und ganz ohne Bilder ist es daher sehr schwer, Architektur zu vermitteln. Manche Architekten zeigen zwar Bereitschaft, zuzuhören und mit dem Gegenüber auf eine Art und Weise zu sprechen, die auch für einen Laien verständlich ist. Aber allzu häufig ist das nicht der Fall. Architekten und Architektinnen haben das gleiche Problem wie andere Experten auch: Aufgrund der ausgeprägten fachlichen Wahrnehmung und der Vertrautheit mit der eigenen Fachsprache nehmen sie die Dinge anders wahr – und das führt oft zu Missverständnissen.

STANDARD: Warum verzichten die Experten nicht einfach auf ihren Fachjargon und sprechen so, dass auch Laien sie verstehen?

Rambow: Man kann Architektur auch mit einfachen Worten kommunizieren, aber das ist nicht leicht. Fachbegriffe liegen oft auf der Hand und werden von denen, die täglich damit umgehen, als selbstverständlich wahrgenommen. Verständlich zu reden will gelernt sein.

STANDARD: Welchen Stellenwert hat Architektur in der Bevölkerung? Und welches Image haben Architekten?

Rambow: Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen zeitgenössischen und historischen Bauwerken. Das zeigt folgender Umstand: Es gibt in Deutschland den sogenannten "Tag des offenen Denkmals". Und dann gibt es noch den "Tag der Architektur", an dem aktuelles Baugeschehen präsentiert wird. Während der "Tag des Denkmals" letztes Jahr 5,5 Millionen Besucher anzog, kamen zum "Tag der Architektur" bundesweit gerade mal 150.000 Besucher. Man sieht es auch beim Reiseverhalten: Historische Gebäude werden als Sehenswürdigkeiten erachtet und selbstverständlich besucht. Für zeitgenössische Gebäude gilt dies nur in wenigen Ausnahmen. Das Image könnte also besser sein.

STANDARD: Warum ist das Interesse am zeitgenössischen Baugeschehen so gering?

Rambow: Im deutschsprachigen Raum ist Bauen kein Teil der Grundbildung. Schon in der Schule wird das Thema wenig behandelt. Moderne Architektur wird bei uns nicht als Teil des bildungsbürgerlichen Kanons wahrgenommen, sondern ist eher etwas für Spezialisten. Weite Teile des aktuellen Baugeschehens werden kaum verstanden und stoßen in der Bevölkerung auf Ablehnung. Hinzu kommt, dass die Leute oft ein völlig falsches Bild vom Architektenberuf und dementsprechend falsche Erwartungen an Architekten haben.

STANDARD: Kann eine Veranstaltung wie die Architekturtage 2008 das nachhaltig verändern?

Rambow: Eine Veranstaltung, in deren Rahmen Laien eine Materie nähergebracht wird, ist grundsätzlich eine sehr gute Sache. Das Interesse an zeitgenössischer Architektur, soweit es vorhanden ist, wird dadurch befriedigt. Denn es wird etwas geboten, was sonst nur selten möglich ist: Auseinandersetzung und Gespräch im Maßstab eins zu eins. Man sieht das Gebäude, man kann hineingehen und sich frei darin bewegen, anstatt nur Pläne und Fotos zu sehen. Besonders positiv ist, dass es an vielen Orten gelungen ist, über die Architekturtage das Thema Architektur in die regionale Presse zu bringen.

STANDARD: An der TU Cottbus haben Sie einen Master-Studiengang namens "Architekturvermittlung" mit ins Leben gerufen. Das Studium ist einmalig im deutschsprachigen Raum. Woher kam die Idee?

Rambow: Ich bin überzeugt, dass es dieses Angebots bedarf. Es gibt viele Interessenten, die sich der Vermittlung auf breiter Ebene widmen wollen und die das ganze Spektrum von Methoden und Strategien der Architekten-Laien-Kommunikation beherrschen wollen. Ebenso wichtig finde ich aber auch, dieses Thema in die Ausbildung von Architektinnen und Architekten zu integrieren. Erfolgreiche Kommunikation ist eine Voraussetzung für gute Architektur.

STANDARD: Wie wird das Angebot angenommen?

Rambow: Der Master-Studiengang steht noch am Anfang. Die Tendenz der Bewerberzahlen ist allerdings steigend. Es ist und bleibt jedoch ein Studium für Spezialisten.

STANDARD: Welche Job-Aussichten haben Ihre Absolventen?

Rambow: Die Studenten und Studentinnen kommen aus verschiedenen Bereichen. Gefordert ist zumindest ein Bachelor-Abschluss. Es kommen Architekten, Kulturwissenschafter, Kunsthistoriker, aber auch Psychologen und Soziologen. Interessant ist der Studiengang vor allem für diejenigen, die in diesem Bereich als Ausstellungsmacher, Kuratoren, und Publizisten arbeiten wollen.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung in den Medien?

Rambow: Da muss man zwischen den einzelnen Medien unterschieden. In den Feuilletons großer Tageszeitungen ist das Thema Bauen deutlich weniger vertreten als vergleichbare kulturelle Bereiche. Das ist bedauerlich. Viel wichtiger ist allerdings, dass die Architektur auch im Lokalteil zum Zug kommt, also überall dort, wo über Alltagsgeschehen, über den öffentlichen Raum und – ganz trivial – über Baustellen berichtet wird.

STANDARD: Stichwort "Architektur im Fernsehen"?

Rambow: Im Prinzip wäre das Fernsehen ein wunderbares Medium für die Architekturvermittlung. In der Zeitung gibt es drei, vier Fotos, auf dem Bildschirm gibt es bewegte Bilder. Das Potenzial ist jedenfalls sehr groß, das sieht man an Beiträgen über das Baugeschehen in Schanghai und Dubai. Die Leute steigen hier über Superlative und technische Sensationen ein. Das ist ein Ansatzpunkt. Wenn man diesen Ansatz kreativ aufnimmt, dann kann auch eine Architektur-Doku über Deutschland oder Österreich interessant sein. Einschaltquoten wie "Deutschland sucht den Superstar" wird eine Architektursendung allerdings niemals erreichen, das muss aber auch nicht sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2005)