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Fliegen kann es zwar nicht, Eierlegen aber schon: das Schnabeltier.

Foto: APA/EPA
London - "Glaubt jemand nur seinem eigenen Verstande, könnte er ausrufen: Gewiss müssen hier zwei verschiedene Schöpfer am Werk gewesen sein!", vertraute Charles Darwin 1836 seinem Tagebuch an, als er mit dem Forschungsschiff Beagle einen Zwischenstopp in Australien machte.

Vor Augen hatte stand ihm dabei (in einem Bachbett bei Sydney) ein Schnabeltier - bis heute der Inbegriff eines biologischen Kuriosums. Als der erste Balg eines Ornithorhynchtus anatius 1798 von Australien nach Europa gelang, wurde denn zunächst auch für eine Fälschung gehalten, da er "wie ein Säugetierfell mit angenähtem Entenschnabel" schien.

Die Wissenschaft klassifizierte das seltsame Mischwesen mit Vogel- und Reptilienzügen letztlich als Säugetier, weil es ein Fell hat und seine Jungen säugt, wenn auch ohne Zitzen, sondern durch die Bauchdecke. Die Weibchen bringen den Nachwuchs außerdem zunächst in Form von Eiern in die Welt - und zwar durch die so genannte Kloake, dem gemeinsamen Ausgang der Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane. Dieser Öffnung verdanken die Schnabeltiere auch ihre Zuordnung zur Gattung der Kloakentiere.

Aber auch sonst zeigen die Tiere einige höchst merkwürdige Eigenschaften: Der weiche, gar nicht vogelähnliche Schnabel ist mit einem komplizierten Elektrosensor-System ausgerüstet. Damit kann es unter Wasser seine Beute orten. Dort können die Tiere nicht nur die Augen, sondern bei Bedarf auch Ohren und Nüstern schließen. Außerdem haben männliche Schnabeltiere an ihren Hinterläufen Fortsätze, aus denen sie im Notfall wie Reptilien Gift ausstoßen können.

Nun hat ein internationales Forscherteam den genetischen Bauplan des wohl seltsamsten aller Säugetiere entziffert, das sich vor rund 166 Millionen Jahre aus der Evolution der Säugetiere "ausklinkte". In der Studie, die in der aktuellen Ausgabe der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" erschien (Bd. 453, S. 175) zeigte sich nicht ganz überraschend, dass die seltsame Mischung auch in den Genen "nachzulesen" ist. Seine Genom-Sequenz sei aber auch unbezahlbar für das Verständnis von biologischen Prozessen der Säugetier-Evolution, sagt Francis Collins, Direktor des National Human Genome Research Institutes in Bethesda, das an der Analyse beteiligt war.

Das in acht Staaten arbeitende Forscherteam verglich dabei die Schnabeltier-DNA mit der von Mensch, Maus, Hund, Stinktier und Huhn. Mit rund 2,2 Milliarden Basenpaaren umfasst das Schnabeltier-Genom von der Menge her etwa zwei Drittel des menschlichen Genoms. Es hat 18.500 Gene, ähnlich wie andere Wirbeltiere, und stolze 52 Chromosomen. Über 80 Prozent der Gene teilt es mit anderen Säugern. Die Forscher fanden außerdem sowohl Gene, die das Eierlegen, als auch andere, die die Milchproduktion unterstützen.

Bei der Suche nach genetischen Gemeinsamkeiten mit Reptilien wiederum stießen die Forscher auf ähnliche Verdoppelungen in Gensequenzen, die für Giftproduktion verantwortlich sind.

Überrascht waren die Forscher über den Fund ausgeprägter Geruchs-Rezeptor-Gene. Eigentlich hatten sie nur sehr wenige erwartet, weil die Tiere den Großteil ihres Lebens unter Wasser verbringen. Ähnliche Gene finden sich jedoch etwa bei geruchssensiblen Säugetieren wie Hunden, so dass die Forscher nun vermuten, dass auch das Schnabeltier sehr geruchsempfindlich ist und sogar unter Wasser riechen kann. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.5.2008)