Ein Frühlingstag in Schlesien: "Ein Unfall dauert nur Sekunden, die Heilung Monate", warnt das rostige Schild auf dem Areal des stillgelegten Kohlebergwerks in Katowice vor sich hin. Unter Tag werden die Grazer Architekten Riegler Riewe hier bis 2012 das Schlesische Museum errichten.

Fotos: Krzysztof Scholl
Es herrscht Stille auf dem weitläufigen Areal, auf dem mehrere leere Gebäude stehen. Kaum zu glauben, dass man sich in der Nähe des Stadtzentrums einer Millionenmetropole befindet. Manche Wege sind zugewachsen, einzelne kleine Quadrate der Fensterscheiben fehlen, rostige Warnschilder führen Selbstgespräche, und die schwarze Patina aus Kohlenstaub, die in Katowice jedem Haus anhaftet, hat auch das Ziegelrot der wunderschönen alten Industriegebäude verdunkelt, damit sie in Ruhe von der Betriebsamkeit ihrer Vergangenheit träumen können. Denn die Zeche, die sich im Frühling 2008 im tiefen Winterschlaf befindet, ist längst stillgelegt.

Identität in zwölf Metern Tiefe

Ab 2010 werden hier die Grazer Architekten Florian Riegler und Roger Riewe zwölf Meter unter der Erde ein Museum um 56,7 Millionen Euro errichten, in dem die kulturelle Identität Oberschlesiens nach 70 Jahren wieder eine feste Bleibe bekommen soll. Das Projekt, mit dem das Büro Riegler Riewe 2007 den Wettbewerb gewann, sorgt international für Aufsehen und wird zu 60 Prozent mit EU-Mitteln finanziert.

Das letzte schlesische Museum, in dem ein Teil der mittlerweile auf insgesamt über 75.000 Stücke (ethnologische und archäologische sowie Kunstwerke) angewachsenen Sammlung untergebracht war, war einer der Höhepunkte der Architektur der Moderne in Schlesien: Das achtstöckige Gebäude des Architekten Karol Schayers, dessen Hinterfront einem stilisierten fliegenden Adler glich, war die Antwort auf ein Museum in dem Teil Schlesiens, das an Deutschland gefallen war. Beide Häuser wollten unter anderem zeigen, dass – je nachdem – deutsche oder polnische Siedlungen die ersten vor Ort waren.

Urbane Blüte der Moderne

Katowice, das im 18. Jahrhundert nach dem ersten Schlesischen Krieg an Preußen ging und zu Kattowitz wurde, erhielt erst Mitte des 19. Jahrhunderts das Stadtrecht. So konnte sich hier vorher keine polnische Tradition des urbanen Bauens entwickeln. Den preußischen, klassizistischen Stil aber lehnte man, als der Landkreis Kattowitz nach dem dritten Schlesischen Aufstand 1922 an Polen ging, ab. So war Katowice in den 20ern ein fruchtbarer Boden für die Ideen von ganz Neuem: Man findet neben den Gründerzeithäusern Beispiele, die von Bauhaus, Le Corbusier, Neues Bauen und auch von der Chicago School inspiriert wurden. 1931 wurde hier der erste Wolkenkratzer Polens im amerikanischen Stil errichtet. Die Schwerindustrie und der Kohleabbau hatten eine Metropole aus dem einstigen Dorf gemacht.

Doch die Nationalsozialisten machten dieser Blüte der Moderne ein brutales Ende. Das Schlesische Museum, das im Herzen der Stadt, nahe dem Schlesischen Parlament, als Symbol für das Polentum und die schlesische Autonomiebewegung stand, war erst seit einigen Tagen fertig, als die Nazis es im September 1939 gleich nach ihrem Einmarsch völlig zerstörten. In der selben Nacht wurden auch die Synagoge von Katowice und das jüdische Viertel, wo rund 8000 meist deutschsprachige Juden gelebt hatten, in Brand gesetzt und der jüdische Friedhof geschändet. Schayer selbst floh und lebte und arbeitete bis in die 70er-Jahre in Beirut.

Das monumentale schlesische Parlament aus Sandstein steht heute noch gut erhalten in Katowice. Die Nazis funktionierten es während ihrer Besetzung zum sogenannten "Gauhaus" um.

In der Nachkriegszeit sollte Katowice eine kommunistische Herzeigestadt werden, hieß sogar zwischen 1953 und 1956 Stalinogród (Stalinstadt). Architektonisch hat diese Zeit ihre Spuren vor allem in Plattenbauten hinterlassen – auch auf Kosten ganzer Straßen von Gründerzeitgebäuden. Heute hat sich viel Glas und Stahl in das Bild der Stadt gemischt. Im Ziel-eins-Fördergebiet Polen wurde viel und fast überall gebaut: Büro- und Geschäftsbauten machen deutlich, dass der Schwerindustrie nicht mehr die alleinige wirtschaftliche Bedeutung zufällt.

Das Parlamentsgebäude ist nun Sitz des Marschalls der Woiwodschaft Schlesien. Teile der Sammlung des Museums, das kurze Zeit einen Steinwurf entfernt stand, wurden erst in den 80ern teilweise in einem ehemaligen Neorenaissance-Hotel untergebracht und werden bis heute dort gezeigt. Eine lange Zwischenstation bis 2012: Dann soll das neue Museum großteils fertig sein.

Unterirdische Projekte haben in Polen Tradition. Stillgelegte Salzbergwerke, natürliche Höhlen oder ehemalige Militärobjekte werden für den Fremdenverkehr genutzt. Man kann unter Tag shoppen, speisen und – in der Kapelle der Heiligen Kinga in Bochnia – sogar heiraten. Im 70 Kilometer von Katowice entfernten Krakau gibt es Restaurants in den miteinander verbundenen Kellern unter dem Marktplatz.

Doch das Projekt, mit dem Riegler Riewe letztes Jahr den Wettbewerb für die Zeche Katowice gewannen, wobei längerfristig ein ganzes Kulturgelände samt Musiktheater entstehen soll, ist auch technisch sehr ambitioniert: Auf zwei Geschoßen, die über zwei ineinander verschlungene Rampen erreichbar sind, werden die ständige Sammlung, andererseits temporäre Ausstellungen gezeigt werden. Sie sollen mit Tageslicht ausgeleuchtet werden, das mittels großer Spiegel in die Tiefe "geholt" wird. An der Oberfläche werden nur einige Glaskuben das Museum mit einer insgesamten Nutzfläche von 30.000 Quadratmetern "verraten", wie Roger Riewe beim Lokalaugenschein des steirischen Landeshauptmannes Franz Voves anhand des Modells ausführten.

Wasserheizung aus der Zeche

Das warme Wasser aus den Tiefen der Zeche soll heraufgepumpt und zur Beheizung des Komplexes genutzt werden. Neben dem Museum selbst wird auch ein Café in einem der alten, ziegelroten Häuser, von denen nicht alle erhalten werden, entstehen. Der alte Förderturm wird restauriert und mit einem Lift bestückt zum Aussichtsturm mutieren.

Das Wiederbeleben von Industriearchitektur ist in Polen derzeit hip: Auch in £ódŸ wurde auf dem Areal einer Weberei ein riesiges Shoppingcenter, die "Manufaktura", errichtet. Im 19. Jh. hatte hier der Industrielle Izrael Poznañski Werkshallen, Wohnungen und Schulen für seine Arbeiter errichtet. Heute baut auch die österreichische Porr AG das Hotel "Andel’s" in eine der Textilmanufakturhallen. (Colette M. Schmidt, ALBUM/DER STANDARD, 10/11.05.2008)