Foto: DER STANDARD
Es erscheint als eine Welt, bevölkert von Menschen, die träumen. Ob sie in einem verwahrlosten Gang stehen, im Freien eine Mahlzeit genießen, vor einem Club posieren oder eine Modeschau verfolgen, irgendwo schwingt das ganz Andere mit, die Sehnsucht nach einem besseren Leben oder nach etwas Verlorenem. Das drängt sich auf als eines der Motive, die den neuen Sammelband von Bildreportagen aus der Agentur Anzenberger prägen. Sie handeln vom Osten Europas: east ist der Titel, ist die Himmelsrichtung und die Chiffre für eine Welt, die uns zum Großteil verschlossen war – ein unbekanntes Terrain auf unserer mentalen Landkarte – und die dann umso stürmischer geöffnet wurde. Fotografen der Agentur waren von Anfang an dabei und registrierten die Veränderungen, die Ungleichzeitigkeiten der alten, neuen Regionen. Weitere kamen dazu, sodass das Portfolio praktisch flächendeckend vom Bosporus bis Weißrussland, von Polen bis China reicht (oben: Dorfbewohner beten über einem Grab und Kurdische Mädchen von Fatih Pinar aus der Serie Das Erbe der Kurden ). 17 Fotojournalisten und -künstler tragen zum Gesamtbild bei, der jüngste, Andrei Liankevich aus Weißrussland, ist gerade 27 Jahre alt und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet (und vor kurzem wegen missliebiger Bilder in Minsk festgenommen). Ach, der Osten! , seufzt der Buchautor und Journalist Ingo Petz im Vorwort, in Anlehnung an Enzensberger, der vor fast einem Vierteljahrhundert ebenso über Europa titelte – und damals immerhin schon Ungarn und Polen mitzählte. Der vorliegende bibliophile Band – der erste des neugegründeten Moser-Verlags – ergänzt die westlastigen Bilder von einst und illustriert hervorragend, worüber des Ostens Kundige (man denke etwa an Karl-Markus Gauß oder Martin Pollack) schreiben. Gemein-sam sind sie Reportagen im besten Wortsinn. (Michael Freund, ALBUM/DER STANDARD, 10/11.05.2008)